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Inspiration

Dezember 2011

Es hat mal jemand gesagt, dass Erziehung nur 2 Zutaten braucht: bedingungslose Liebe und ein gutes Beispiel abgeben. Als ich neulich über die Qualitäten von Vorgesetzten sinnierte fand ich, dass hier genau die gleichen Eigenschaften wünschenswert seien. Denn ein Führer trägt Verantwortung für andere Menschen. Was würde ich mir als Mitarbeiter wünschen? Bedingungslose Liebe im Sinne von Mitgefühl, und selbstverständlich ein gutes Beispiel! Wer damit gesegnet ist, ist zumeist auch ein inspirierender Mensch. Inspiration weckt die eigenen noch unentdeckten Fähigkeiten. Sie können sich nur in einem Umfeld von Vertrauen, Ermutigung und guten Beispielen entwickeln.

Was für ein Vater wäre ich, wenn die Augen meiner Kinder nicht leuchteten? Was für ein Lehrer wäre ich, wenn die Augen meiner Schüler nicht strahlten, wenn ich meinen Schülern keinen Anstoß geben könnte, sich zu entfalten, Freude zu erleben, neue Potentiale in sich zu entdecken? Ein Führer sollte die Gabe haben, die ihm Anvertrauten hochzuziehen, ihnen Mut zuzusprechen, ihnen zu zeigen, wie sie ihre Schatztrue öffnen können. Inspirierende Menschen machen das Leben ihrer Mitmenschen wertvoller. Solche Menschen können Freude geben, dass einem schwindlig wird. Freude ist deshalb auch das Thema im Artikel weiter unten.

Ich habe eine neue Definition von Erfolg. Er lässt sich daran messen, wieviel strahlende Augen jemand um sich versammeln kann. Das ist natürlich eine ganz andere Interpretation als die gängige Meinung. Oft wird Erfolg mit der Kunst der Täuschung gleichgesetzt. Ich halte Manipulation jedoch für eine Sackgasse. Inspiration hingegen kommt aus ehrlichem Verhalten, besonders zu sich selbst, und damit verbunden aus noblen Handlungen, die nämlich zum Nutzen der Menschheit sind und eben die Augen der anderen strahlen lassen. Inspiration kommt aus Intuition. Sie funktioniert so selten, weil wir nie richtig gelernt haben, ehrlich mit uns selbst zu sein. Oft haben uns die entsprechenden Führer gefehlt.

Die Krux mit Intuition und Inspiration liegt im frei gewählten Selbstbetrug. Weil ich mich selbst betrüge, kann ich auch meiner inneren Stimme nicht vertrauen. Bevor ich meinen Gefühlen vertrauen kann, muss ich mir selbst vertrauen. Dazu muss ich ehrlich mit mir sein.

Auf TED habe ich 2 Videos von inspirierenden Menschen entdeckt. Sie betätigen sich auf ganz unterschiedlichen Gebieten, aber jeder für sich hat es geschafft, mich zu entflammen. Ich habe gemerkt, dass die Dinge, die ich gut kann, nicht wirklich aus meinen Genen stammen. Ich habe einfach auf bestimmten Gebieten inspirierende Lehrer gehabt, und auf anderen nicht. Ich glaube heute, jeder Mensch könnte auf jedem Gebiet großartiges leisten, wenn er nur einen entsprechenden Mentor hätte.

Robert Sapolsky, Professor für Biologie und Neurologie in Stanford, Autor des Buches »Weshalb Zebras keine Geschwüre bekommen«, spricht eine halbe Stunde über The uniqueness of humans, die Einzigartigkeit des menschlichen Wesens. Mit seiner Vortragsreihe zum menschlichen Verhalten hat er im Internet eine große Fangemeinde gefunden.

Benjamin Zander ist ein Dirigent voll innerer Freude zur Musik. Als die Manager eines Bostoner Konzerthauses mit seiner Arbeit nicht zufrieden waren, gründete er kurzerhand das Boston Philharmonic Orchestra, was überhaupt nicht schwer fiel, weil das komplette Ensemble am alten Ort kündigte und mit ihm ging. Wer ihm bei den Proben zuschaut, wird mit absoluter Sicherheit das Strahlen in den Augen seiner Musiker wieder finden, von dem ich weiter oben gesprochen habe. Das Orchester besteht übrigens aus 3 gleich großen Parteien: Profis, Amateure und Musikstudenten. Zander schrieb ein Buch über die Kunstfertigkeit, die besten Möglichkeiten zu entdecken, das ist seine Definition von Wundern, und er öffnet damit die Schatztrue zur Kreativität. Sein Vortrag On Music and Passion, über Musik und Hingabe, ist voll Begeisterung. Am Ende erwähnt er eine Frau, die Auschwitz überlebt hat. Als Kind war sie mit ihrem kleineren Bruder im Gefangenentransport ins Vernichtertungslager gebracht worden. Sie beschimpfte den Jungen, weil er seine Schuhe nicht richtig zugebunden hatte. Es war das letzte Mal, dass sie ihn lebend sah. Zu Zander sagte sie später: »I will never ever say anything that could not stand as the last thing I ever say« - ich werde nie wieder etwas sagen, das nicht als die letzten Worte in meinem Leben bestand haben könnte.

Lieber Leser, ich wünsche dir eine zutiefst inspirierende Zeit.

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Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Über die Psychologie der Freude

November 2011

Bora Bora Intercontinental Thalasso
Bora Bora Intercontinental Thalasso

Lässt sich das überbieten? Grenzenlose Freude? Ist es denkbar, für alle Zeit von tiefster Freude erfüllt zu sein? Warum nicht? Könnte ich das ertragen? Heisst doch grenzenlos, dass ich Freude nicht im Zaum halten könnte, nicht ertragen müsste. Wäre das schlimm? Freude ist so schön, dass sie unerträglich ist. Gerade deshalb ist sie mein Ziel, wenn man bei den höchsten Gefühlen überhaupt von Ziel sprechen kann...

In totaler Freude ist für andere Emotionen kein Platz. Alles, was mich einengt, ist auf Null entleert. Es gibt keine Trauer, es gibt keine Angst, es gibt keine Sorgen, es gibt keine Wut. Es gibt keine Schuld und es gibt keine Trennung. Es gibt keinen Schmerz. Es gibt keinen Tod. Das Leben ist nur noch das, weshalb es sich lohnt zu leben. In tiefster Freude bin ich den Göttern nah und meine Seele kann sich nähren, meine Essenz kann aufblühen.

Oh' Dionysos, Gott des Weines und der Fruchtbarkeit, du dreifach geborener Gott der Ekstase, erwecke mich zum vollständigen, sinnlichen, spielerischen, lustvollen Leben! Es ist so schön, dass es kaum zum aushalten ist! Zum Glück muss ich es ja nicht aushalten. Mein Selbst darf ja aus meinem Körper heraus, aus meinen Gedanken, vor allem wenn sie mich runterziehen wollen.

Ich fliege, und mein Körper tanzt ob dieser ungewohnten Freiheit, endlich Freiheit, die Leichtigkeit des Seins spüren, voller Freude sein, diesen Zustand nicht ertragen zu können. Ich bin das tanzende Universum, trunken von Glück.

Wen interessiert noch das äussere Glück, wenn ich doch innerlich von Gott erfüllt sein kann?

Ich verstehe nicht, wie es so viel Streit und Missgunst und all die anderen Emotionen in der Welt gibt. Wie kann man nur glauben, dass das Leben eine Qual sei und die Welt ein gemeiner Ort? Wie kann man sich nur so weit von seiner Natur entfernen?

In der Tiefe des Universums habe ich jetzt die Erklärung gefunden, und das ist der ganze Sinn dieses Artikels. Es ist die Unerträglichkeit der Leichtigkeit des Seins und deswegen des natürlichen Zustands der Freude. Es ist für viele einfach nicht zum aushalten! Ein Mensch kann einfach nicht mehr Freude in sein Leben ziehen, als er glaubt zu ertragen. Deswegen muss jemand die Welt und seine Umgebung soweit herunterziehen, bis der Geist endlich einen Vorwand gefunden hat, ohne Freude durchs Leben zu kriechen! Endlich ist es mir klar, weshalb es Krieg gibt. Es ist die Angst vor der Freude. Die Angst, das Durchströmen der Göttlichkeit nicht ertragen zu können.

Wir brauchen Mut, die verschlossenen schönen Seiten in uns selbst nicht mehr zu ertragen, wir brauchen Mut, sie aus ihrem Gefängnis freizulassen. Wir müssen das Spiel riskieren, dass uns diese schöne Emotion umbringt, wenn wir sie freilassen.

Dieser Tod wäre grossartig, ein neuer Mensch würde geboren, den Göttern so nah, vielleicht halb Mensch, halb Gott, so wie du, Dionysos? Mal Löwe, mal Ziege, mal Mensch, mal Gott? Du kannst transzendente Freude bringen, während ich mit meiner Verrücktheit und mit meinen Launen spiele, mit dem Nervenkitzel, den ich nicht planen kann! Du kannst mich die Grenzen des spirituellen Bewusstseins überschreiten lassen.

Nelson Mandela hat von der grössten Angst des Menschen gesprochen, nämlich unermesslich mächtig zu sein und sein eigenes Licht mehr zu fürchten als seine Dunkelheit. Lasst uns den Mut finden, unser eigenes Licht erstrahlen zu lassen! Wir brauchen es nicht zu ertragen. Es wird die Freude vollkommen machen und ohne unser Zutun andere befreien!

Zui Tien Ekstase: wenn ich etwas nicht mehr ertrage und mein Selbst es in meinem Körper nicht mehr aushält. Ekstase kommt von εκστασις »ex stasis« und heisst wörtlich, ausserhalb von sich selbst zu stehen. Ich bin von einer Emotion erfüllt, die so mächtig ist, dass mein Körper sie nicht ertragen kann, mein Geist sie nicht verstehen kann. Sie ist so mächtig, dass ich in einen Raum ausserhalb von mir selbst transzendieren muss, damit ich sie erleben kann. Ich kann die Freude, die Ekstase, nur in einem anderen Reich erfahren. In Ekstase, dem Spiel mit den Göttern, verdienen wir uns das Recht, wiedergeboren zu werden. Ekstase macht uns wirklich lebendig.

Ich bin enthusiastisch: ενθεος »en theos«, von Gott erfüllt, Gott ist in mir. Die Seele lebt auf, pure Freude. Deswegen kann man nie enthusiastisch »über« etwas sein.

Dionysos: Διόνυσος Der griechische Gott der Ekstase ist im Feuer geboren. Er war der Sohn von Zeus und Semele, einer Sterblichen, was die Eifersucht von Hera, der Frau von Zeus entfachte. Hera überredete die schwangere Semele, das strahlende Gesicht ihres Liebhabers anzuschauen und trieb Semele so in den Tot. Zeus aber liebte seinen Sohn und konnte den Embryo aus der Asche der verbrannten Semele retten, zog ihn in seinem Oberschenkel gross und gebar ihn so ein zweites Mal. Das Kind des Feuers wuchs heran, es machte den Titanen, den alten maskulinen Göttern des Olymp, jedoch solche Angst, dass sie das Kind töteten, zerrissen und verschlungen. Dionysos blieb aber nicht tot. Aus einem Tropfen seines Blutes entsprang ein Granatapfelbaum, Symbol der Fruchtbarkeit, und Rhea, Mutter von Zeus, machte ihn ein weiteres Mal heil. Um ihn vor Hera zu schützen, wurde Dionysos in eine junge Ziege verwandelt und auf dem Nysaberg von Nymphen grossgezogen, freudigen weiblichen Geistern der Wälder und der Berge. Regen und Honig nährten ihn. Er lernte die Musen und sinnlichen Freuden kennen, die Wunder des Tanzes und der überschwänglichen Sexualität, aber auch Weisheit und gute Tugenden, nicht zu vergessen die Kunst der Weinerzeugung. Schliesslich offenbarte sich Dionysos als Gott. Hera erkannte und verfluchte ihn, dass er verrückt würde, aber die weise Rhea konnte ihn abermals retten und davon reinigen. Schliesslich weihte sie ihn in ihre geheimen weiblichen Mysterien ein. Die Macht des Dionysos wurde unvergleichlich.

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Anpassung heißt Überleben

Juni 2011

Im Biologieunterricht in der Schule war immer mal wieder Charles Darwin ein Thema. Evolution wurde dadurch erklärt, daß jeweils der Stärkste überlebt hätte und die Schwächsten die Bühne des Lebens verlassen mussten. Stark zu sein hat mindestens seit Darwins Zeiten einen wichtigen Platz in der menschlichen Psyche eingenommen. Länder wollen stark sein, Menschen wollen sich herausstellen und brauchen das Gefühl, gegen alle und alles siegen zu müssen, wenn sie denn überleben wollten. Als ob wir in einer Mangelgesellschaft leben würden und um unser überleben kämpfen müssten.

Manche Tiere zeigen uns, daß überleben nicht immer durch den großen Kampf gesichert ist. Flucht ist manchmal weiser, und stillhalten manchmal besser, wenn zum Beispiel ein Adler nach Mäusebeute späht. In der Menschheitsgeschichte sind die großen Kämpfer und Helden meist nie besonders alt geworden. Helden sterben jung, und die Psychologie des Helden ist es sicher wert, tiefgehender hinterfragt zu werden. Es gab auch für Helden immer einen Stärkeren. Manchmal haben sich dazu ein paar Schwächere zusammengetan und den Stärkeren frontal oder hinterrücks aus dem Spiel des Lebens genommen. Selbst der Stärkste kommt mit all seiner Stärke nicht gegen die kleinsten und schwächsten Lebewesen an, wie Viren oder Bakterien, wenn er es nicht gelernt hat, diese zu bemerken und richtig damit umzugehen. Der große Kampf gegen nur vermeintliche Feinde, wie es bei einer Allergie der Fall ist, hat gleichfalls keine Zukunft. Ob wohl Angst dahinter steht? Geht es vielleicht unterbewußt darum, sich und seine Kräfte in diesem sinnlosen Kampf zu schwächen?

Ich glaube, Darwin hatte Unrecht, wenn er in diesem Sinne vom überleben des Stärksten gesprochen hat. Meiner Meinung nach hat derjenige Organismus die besten Chancen, der sich am besten den Bedingungen seiner Umgebung anpassen kann. Der Organismus selbst versteht sich und handelt als Einheit, d.h. er grenzt sich auf eine gesunde Art von äußeren Einflüssen ab (ist nicht für alles offen), er handelt synchron, als Einheit. Die einzelnen Bestandteile kämpfen nicht gegeneinander, leben aber auch nicht auf Kosten der anderen. Jeder Bestandteil (beim Menschen wären das 50-100 Trillionen Zellen) erfüllt seine Aufgaben ohne ein Gefühl von Exklusivität. Wenn sich dann äussere Bedingungen verändern oder verschlechtern, ist dieser Organismus am besten in der Lage, sich darauf einzustellen, statt zu jammern, wie doch früher alles besser war, ein Bestandsrecht aus der Vergangenheit einzufordern und nicht loslassen zu können. Solch ein Organismus sollte auch mit einer größeren Umweltverschmutzung, Strahlenbelastung, minderwertigerem Essen sowie einem schlechteren emotionalen Umfeld besser zurechtkommen. Nicht, daß das ideal wäre, und wenn er die Wahl hätte, sollte er sich hoffentlich das beste Umfeld suchen, daß es für ihn gibt. Ansonsten wäre es das Klügste, mit dem schlechteren Umfeld leben zu können, in Vertrauen, ohne Schuldzuweisungen, ohne Wut, ohne Sorge.

Nicht der Stärkste überlebt am Ehesten, es ist der Anpassungsfähigste. Ein Exklusivitätsanspruch ist gefährlich. Ein Exklusivitätsanspruch ist tödlich.

Jedoch auch Anpassung muß hinterfragt werden, denn es besteht die Gefahr, daß sie zu weit geht. Was ist, wenn ich »ja« zur Umwelt sage und dabei »nein« zu mir selbst? Wann würde ich meine Identität preisgeben? Wie so oft im Leben befinde ich mich auf einer Gratwanderung. Es ist ein schmaler Grat zwischen Auflehnung und Anpassung. Er spiegelt nur allzu deutlich den Konflikt, die Zweifel, die sich alle um die eine Frage drehen: Wer bin ich?

Die Zeit hat in einem Artikel einige Bakterien vorgestellt, die an Anpassung schier unglaubliches geleistet haben, um zu überleben.

GFAJ-1: Jegliches Leben benötigt immer 6 chemische Zutaten: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und Phosphor. Aus diesen Elementen bestehen Kohlenhydrate, Nukleinsäuren, Fette und Eiweiße. Dem Bakterium GFAJ-1 ist es gelungen, Arsen anstelle von Phosphor in seine Eiweiße, Fette und in seine DNA einzubauen.

Nitratireducens: Die Bakterie mag Seifenspender und vermehrt sich sogar noch bei einem pH-Wert größer als 10.

Alcaligenes xylosoxidans: Das stäbchenförmige Bakterium kann den Bakterien hemmenden Stoff Triclosan einfach verdauen.

Deinococcus radiodurans: Strahlung ist kein Problem. Es überlebt 4000 Gray ionisierende Strahlung. (100 Gray töten einen Menschen sofort). Seine Erbsubstanz zerfällt zwar unter dem Beschuß, doch es besitzt effiziente Reparaturenzyme. Es überlebt auch andere Bedrohungen unbeschadet: extreme Austrocknung, Säure und sogar das Vakuum. Das Erbgut wurde 1999 entziffert, doch bis heute können die Forscher die ungewöhnliche Widerstandskraft der Mikrobe nicht vollständig erklären.

Vielleicht ist es Zeit geworden, meine Vorbilder mehr im Kleinen zu suchen und ihnen nachzueifern. Vielleicht ist die Antwort auf die große Frage auch nur eine Kleinigkeit.

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Die sechs weiblichen Beziehungen im Leben eines Mannes

März 2011

Robert A. Johnson: He - Understanding Masculine Psychology
Robert A. Johnson: He

Die Welt des Mannes ist in allererster Linie von Angst geprägt. Die geheime Verschwörung des Schweigens, die Angst vor der eigenen Natur und Aggressivität, die Angst vor dem weiblichen ist für jede Generation heranwachsender Männer aufs Neue eine Herausforderung, der sich der Mann stellen kann oder der er ausweicht, die Themen zu seinen dunklen Seiten macht, sie ins Unterbewußte drängt und vergeblich hofft, sie würden dadurch besiegt oder wenigstens verschwinden. Verletzungen in der äußeren Welt, Kriege, Gewalt und Erniedrigung zeigen allzu deutlich, daß die inneren Welten mit solchen Strategien nicht zu verarbeiten sind.

Mythen können in solcher »Verzweiflung« Einsicht und Verständnis wachsen lassen für die inneren und oft unbewußten Konflikte, die ein Mann mit seiner scheinbar dunklen Seite auszufechten hat.

Ein meisterhaftes Lehrstück ist in diesem Zusammenhang die Geschichte vom heiligen Gral und Parzival, der von seiner Mutter in ein Narrenkleid gesteckt wurde, auf einem jämmerlichen Klepper reitend in die Welt entlassen, damit ihn nur ja niemand ernst nehme und gegen ihn kämpfen würde. Charles Meyer und Peter A. Schröter haben die tiefenpsychologische Bedeutung dieser Geschichte in ihrem Buch »Die Kraft der männlichen Sexualität« untersucht.

Auch der Jungsche Psychologe Robert A. Johnson hat sich im Buch »He« (nur auf Englisch verfügbar) mit den Mythen um die Mannwerdung befaßt und dabei die gleiche Geschichte als Anker genommen.

Im Verlauf seiner Analyse kommt er zu dem Schluß, daß ein Mann auf seiner Reise 6 grundlegend verschiedene Beziehungen zur weiblichen Welt hat, die ich mit dem geschätzten Leser an dieser Stelle teilen möchte. Johnson legt dabei großen Wert darauf, daß diese Beziehungen nicht vermischt werden.

  1. Seine Mutter, die eigentliche Frau mit all ihren Eigenheiten, individuellen Eigenschaften und ihrer Einzigartigkeit
  2. Sein Mutterkomplex, der einzig in ihm selbst zu Hause ist. Das ist seine regressive Tendenz, in die Abhängigkeit von seiner Mutter zurückzukehren und wieder ein Kind zu sein. Hier liegt der Wunsch nach Versagen begründet, die unterirdische Faszination von Unfall oder Tod, die Forderung, wieder umsorgt zu werden, »pures Gift« in der Psychologie eines Mannes.
  3. Sein Mutterarchetyp. Wenn der Mutter-Komplex das reine Gift ist, so ist der Mutter-Archetyp reines Gold. Es ist die weibliche Hälfte von Gott, das Füllhorn des Universums, die Mutter Natur, die Gabe, das Geschenk, daß jedem ohne Ausnahme gewährt wird. Ohne diese Gabe könnten wir keine Minute überleben, die Gabe ist immer zuverlässig, nährend und erhaltend.
  4. Seine holde Maid. Dies ist die weibliche Komponente in der Psyche jeden Mannes. Sie ist der innere Begleiter und ein Inspirator in seinem Leben. Sie ist die schöne Jungfrau wie Blanche Fleur für Parzival, Dulcinea für Don Quijote, Beatrice für Dante in der Göttlichen Komödie. Sie ist es, die Sinn und Farbe in das Leben des Mannes bringt. Dr. Jung bezeichnete diese Qualität mit »Anima«, denn sie animiert und gibt Leben.
  5. Seine Ehefrau oder Partnerin, der menschliche Begleiter aus Fleisch und Blut auf der Reise durch sein Leben
  6. Sofia, die Göttin der Weisheit. Für einen Mann ist es ein Schock zu entdecken, daß die Weisheit weiblich ist, aber alle Mythologien haben es so porträtiert.

Alle sechs Beziehungen haben ihren Wert und erfüllen einen Zweck, selbst der Mutter-Komplex, der allerdings am schwierigsten ist und dem in Initiationsritualen deshalb eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Johnson weist darauf hin, das mit der Verwischung dieser Beziehungen Probleme entstehen, z.B. wenn ein Mann seinen Mutter-Komplex auf die wirkliche Mutter projeziert und diese für die eigenen Tendenzen zur Selbstaufgabe und Rückzug verantwortlich macht, oder wenn der Mann sein Mutterbild mit dem Mutter Archetyp oder auch mit der Ehefrau vermischt, dabei entweder von der Mutter die Rolle einer Schutzgöttin erwartet oder von der Partnerin, daß sie Mutter für ihn sei.

Im Verlauf der Parzival Geschichte taucht noch eine weitere Frau auf, eine mir nur unbewußt Bekannte. Es ist das »scheußliche Mädchen«, und ich möchte den männlichen Leser ermutigen, auch dieser Frau seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Das »scheußliche Mädchen« taucht dann im Leben eines Mannes auf, wenn dieser glaubt, alles erreicht zu haben - im Fall von Parzival, als dieser zum Helden wird, weil er dem Fischerkönig die entscheidende Frage stellt. Das scheußliche Mädchen macht das Versagen des Mannes auf seinem Weg offenbar und ihm wird seine Bedeutungslosigkeit bewußt. Dann kann sich der Mann in der »dunklen Nacht der Seele« die Frage nach dem wirklichen Sinn seines Lebens stellen. Das scheußliche Mädchen bietet dem Mann vor allem die Chance zu seiner Individuation.

Bis dahin ist er als Ritter seinen Weg gemeinsam mit anderen Rittern gegangen. Jetzt stellt er plötzlich fest, daß er sich auf einer einsamen Reise befindet, in der er seine eigenen und einzigartigen Schlachten zu schlagen hat. Es ist seine ganz spezielle und individuelle Suche. Auf seiner einsamen Reise gibt es plötzlich keine Vergleiche mehr. Die Dinge da draußen in der Welt sind einfach nur noch. Es gibt dort weder Glück noch Unglück. Es gibt nur noch einen Seinszustand - den man nach Bestehen der letzten Prüfung korrekt mit Ekstase beschreibt.

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Es macht Spass, das Unmögliche zu tun

Dezember 2010

Als ich dieses Zitat von Walt Disney das erste Mal las, war ich verblüfft. Das war echt frech - ansteckend frech. Der Mann hatte Recht! Warum scheitern Menschen am Unmöglichen? Weil ihre Vorstellungskraft so klein ist? Weil sie es nicht ausprobieren? Hätte es früher jemand für möglich gehalten, dass wir fliegen könnten? Hätte es jemand für möglich gehalten, dass wir an jedem Ort der Welt miteinander telefonieren könnten?

Warum halten wir dann Dinge für unmöglich, die wir selbst schon gemacht haben - Arme und Beine wachsen lassen oder gesunde Organe? Warum konnten wir das einmal? Weil uns im Mutterleib noch niemand gesagt hat, dass das unmöglich sei? Wir haben nur eine Zelle benötigt, und nach der Befruchtung hat ganze 50 Mal Zellteilung stattgefunden. So entstand ein Körper mit 100 Trillionen Zellen, die dank Bewusstsein in Synchronizität miteinander kommunizierten und arbeiteten.

Der Salamander zeigt uns, dass das Nachwachsen von Gliedmassen auch nach der Geburt überhaupt kein Problem ist.

Der Mensch tut sich dabei noch etwas schwer, aber es gibt Hoffnung. Bei Lee Spievak hat sich nach einem Unfall die Fingerspitze seines rechten Mittelfingers wiederhergestellt. Drunvalo Melchizedek schreibt in seinem Buch »Ancient Secret of The Flower of Life« (vol. 2) gar von einem Jungen, dem nach einem Unfall ein Bein von oberhalb des Knies nachgewachsen sein soll.

Die Geschichten sind nicht ausreichend dokumentiert und geprüft, aber um Beweise geht es mir in diesem Artikel nicht. Ich schreibe wegen der Wichtigkeit, mir das Unmögliche vorstellen zu können. Wie sonst sollte es jemals Wirklichkeit werden?

Ob Du glaubst, dass dir etwas gelingt, oder nicht - Du hast immer recht.

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Mit dem Warum anfangen

November 2010

Ich bin kürzlich auf ein Video gestossen, in dem Simon Sinek die Frage diskutiert, weshalb die Firma Apple so beliebt und erfolgreich ist. Ohne Zweifel bringt Apple Produkte auf den Markt, die in aller Munde sind. Viele Fans haben Schlange gestanden, um zu den ersten stolzen Besitzern eines i-Phones zu gehören. Die meisten Kids wollen ihre mp3 ausschliesslich auf dem i-Pod hören. Dass das Ding bei ähnlicher Klangqualität doppelt so teuer ist wie Konkurrenzprodukte, scheint niemand zu stören. Es hat sogar den Anschein, dass ein exklusiver Preis erwartet wird.

Apple ist eine Computer- und Softwarefirma wie viele andere. Sie haben den gleichen Rohstoffmarkt, Zugang zu den gleichen Arbeitskräften, verkaufen im gleichen Umfeld. Aber was macht Apple anders?

Simon Sinek ist zu dem Schluss gekommen, dass die Erfolglosigkeit oder auch das Mittelmass der allermeisten Unternehmen darin begründet liegt, dass sie auf das »Was« fokussieren. Sie sagen den Kunden (und ihren Angestellten), was sie verkaufen wollen, und dann heisst es schlicht »Friss oder Stirb«. Ähnlich ist es in der Gesundheitsfürsorge. Jemand bietet Massagen an oder Reiki oder eine Schönheits-OP. Und er stellt genauso das »Was« in den Vordergrund - so machen es schliesslich (fast) alle. Damit erreicht man jedoch nur einen Bruchteil der Leute - nämlich die, die ein bestimmtes Produkt (»Was«) suchen und dann unter den Anbietern auswählen. Sind sich solche Sucher eigentlich im Klaren, warum sie etwas haben wollen? Warum sie wirklich etwas haben wollen? Ist dem Anbieter eigentlich klar, warum er etwas anbietet? Warum er es wirklich anbietet?

Sinek hat festgestellt, dass es bei den meisten Vertretern des Mittelmasses genau an dieser Klarheit im »Warum« fehlt bzw. dass das »Warum« nicht wirklich anziehend ist.

Bei Apple & Co. wie auch bei verschiedenen grossen Führern hatte das »Was« nie im Fokus gestanden. Die ganze Orientierung lief genau anders herum. Sie alle (die Wenigen ...) haben immer mit dem »Warum« angefangen. »Warum« war der Antrieb für alles.

Warum -> Wie -> Was

Steve Wozniak und Steve Jobs wollten die Sichtweise ändern, die ihre Mitmenschen auf die Welt hatten. Sie wollten die Menschen zu unabhängigen Unternehmern machen, die als Individuen das schaffen sollten, was sonst nur grossen Unternehmen vorbehalten blieb. So haben sie nach einem »persönlichen Computer« gesucht, den sie den Menschen dafür auf den Weg geben konnten und dafür Apple gegründet.

Apple war in diesem Sinn also anders. Apple hat anders über Computer gedacht (»Think differently«). Steve und Steve haben das konventionelle Denken herausgefordert. Steve und Steve haben inspiriert. Sie haben mit dem »Warum« begonnen. In Rekordzeit ist aus dem kleinen Betrieb ein 1 Mrd. Dollar Unternehmen mit über 3000 Mitarbeitern geworden.

Zwar gibt es Software- und Computerunternehmen mit mehr Umsatz und mehr Angestellten, aber auch die schauen darauf, was Apple neues herausbringt. Und machen wir uns nichts vor. Die Kunden jener Unternehmen folgen den Riesen nicht weil sie wollen - sie folgen weil sie glauben sie müssten.

Bei Apple hingegen zieht das »Warum« die Klienten an. Denn Inspiration ist sexy. Inspiration ist sympathisch. Inspiration ist eben anziehend. Das Produkt ist eigentlich eine Nebensache. Die Menschen kaufen Apple, weil sie glauben, woran Apple glaubt. Die Menschen folgen Apple, weil sie Apple folgen wollen. Sie kaufen Apple nicht wegen des Produkts sondern allein aus dem Grund, weshalb Apple das Produkt gemacht hat.

Ich finde das beruhigend. Denn es kommt gar nicht mehr darauf an, WAS ich mache. Es kommt einzig darauf an, warum ich etwas mache. Es spielt absolut keine Rolle, dass ich Ingenieur bin. Es spielt absolut keine Rolle, dass ich Reiki unterrichte. Der Sinn meiner Betätigung liegt einzig im Kontakt mit Leuten, die an das glauben, woran auch ich glaube. Es geht überhaupt nicht darum, Leute zu finden, die etwas benötigen, was ich habe. Es geht darum Leute zu treffen, die sein wollen anstelle von haben wollen.

Warum bin ich Ingenieur? Weil es mir Spass macht, etwas zu kreieren, dass die Lebensqualität verbessert. Warum unterrichte ich Reiki? Weil ich glaube, dass sich jeder Mensch selbst aus dem Sumpf ziehen muss, und dass sich mit Verständnis und Klarheit auch jeder Mensch selbst aus dem Sumpf ziehen kann. Es begeistert mich, andere Menschen ihrem Potential näher zu bringen.

So lebe ich einen Traum anstelle eines Planes. Ich freue mich auf jede Inspiration durch die Freunde, die mich in meinem Traum begleiten und denen auch ich ein passender Begleiter in ihrem Traum bin. Wenn ich meinen Traum lebe, wird die Praxis dieser Freundschaften dem ganzen Erleben einen Sinn geben und spirituellen Frieden schaffen.

Für den heutigen Tage wünsche ich Dir Klarheit und Inspiration auf Deinem »Warum-Weg«, und dass Du Führer hast oder Führer findest, denen Du folgen willst. Denn diese sind besser als jene, denen man glaubt, folgen zu müssen.

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Die Sucht nach Lust

Juni 2010

Ich bin süchtig nach Reiki. Und nach so manch anderem. Sucht ist der Blutantrieb Nummer 1 im menschlichen Leben. Alles, was ich wiederholen muss, ist eine Sucht, angefangen beim atmen. Der Mensch ist auf Lust programmiert. Er lebt dafür. Lustgefühle sind pure Energie, anders gesagt eine einfache chemische Reaktion.

Jedes Lustgefühl schränkt meine Freiheit immer weiter ein. Denn die Erinnerung an ein schönes Erlebnis wird dazu führen, in späteren ähnlichen Situationen ähnliche Wege zu gehen. Die Persönlichkeit zieht sich zu. Jede erfolgreiche Entscheidung brennt sich ein und bedingt die nächste Entscheidung.

Ob Sucht etwas Krankhaftes ist? Oder etwas ganz natürliches? Wenn jemand süchtig auf Alkohol oder Drogen ist, dann wird es allgemein als Krankheit bezeichnet. Aber entscheidet denn das Objekt der Sucht, ob ein Verhalten krankhaft ist?

Objekt als solches ist an Sucht ganz wichtig. Ironischerweise wird ein anderer Mensch, ein äusseres Objekt, eine äussere Situation mit dem Lustgefühl verbunden. Dabei wird das Gefühl selbst gänzlich von innen erzeugt, es sei denn, die Chemie würde von aussen zugeführt. Wann immer ein äusserer Faktor zur Bedingung von Glücksgefühl wird, handelt es sich um Sucht.

Wird in einer Situation ein Lustgefühl ausgelöst, fängt der unbewusste Geist an, die Situation zu analysieren. Da war dieser Mensch anwesend, da lief Santana im Radio, da war die Flasche Rotwein offen, wir waren in Indonesien am Strand. Ab sofort bringen schon Santana und Rotwein ein gutes Gefühl. Ich brauche diesen Menschen, wenn ich Lust spüren will. Und im nächsten Urlaub muss es natürlich wieder nach Indonesien gehen. Schwieriger wird es, wenn das gute Gefühl bei einem Meisterschaftstitel entstand oder bei der Besteigung eines Achttausenders. Die Schwelle zur weiteren Belohung liegt dann unglaublich hoch. Der Geist ist einfach gestrickt. Gehirnforscher nennen das assoziierende Erinnerung. Ein Erlebnis bekommt eine Ladung. Allergien funktionieren nach dem gleichen Prinzip, nur mit negativen Assoziationen.

Assoziierende Erinnerungen werden vom Gehirn z.B. im Konzept von Liebe aufgebaut. Im neuronalen Netz werden Ideen, Gedanken und Gefühle erzeugt, miteinander verwoben und gespeichert. So kann Liebe mit Enttäuschung verbunden sein. Denkt so jemand an Liebe, denkt er automatisch an Erinnerung von Schmerz, Leid, Ärger und Wut. Wut kann mit Verletzung verlinkt sein, und diese mit einer bestimmten Person, die dann weiter (oder besser zurück) zum Begriff Liebe verbunden wird.

Ohne zu urteilen speichert der unbewusste Geist das einfach nur ab. Die Vorstellung, mein KörperGeist sei in aller erster Linie eine Radiostation mit angeschlossener Chemiefabrik, ist nicht besonders erbaulich. Vermutlich ist sie zutreffend. Da gibt es drahtlose (Licht) und über Kabel laufende (Nerven, Blut, Lymphe) Empfänger, Sender, Leiter und Speicher für die Signale. Die elektrischen (leitenden) und die chemischen (dissoziierenden) Eigenschaften von Wasser spielen bei den Körperflüssigkeiten eine entscheidende Rolle. Die Wahrnehmung von Gedanken, unsere geistige und mentale Leistung, was der Geist will, ist nur das Endprodukt elektrischer und chemischer Prozesse, die Teil der eigenen Wirklichkeit sind.

Jedes neue Erlebnis wird zu einer Erinnerung, in der neuronale Verbindungen und Kreisläufe im Gehirn gebildet werden. Wenn diese Verbindungen entstehen, setzten sie Chemikalien frei, die ein bestimmtes Gefühl erzeugen. So hat jede Erfahrung als Endprodukt eine Emotion und ein Gefühl. Das ist nötig, damit ich mich an meine Erfahrung besser erinnern kann. Neue Erfahrungen werde ich deshalb auch physisch oder im Geist wiederholen. So prägen sie sich noch besser ein. Der Lernprozess des Lebens ist in erster Linie ein Akt, neue Verbindungen im Gehirn zu bauen. Erinnerung dient dazu, diese Verbindung intakt zu halten.

Eine wichtige Rolle spielen bestimmte Peptide, chemische Komponenten, die der Hypothalamus produziert, um dem KörperGeist seinen Antrieb zu geben. Sie erzeugen das Lustgefühl, das Glücksgefühl, den Orgasmus. Welcher KörperGeist würde das ganze Erdenleben wohl mitmachen, wenn da nicht wenigstens dieses Gefühl wäre? Welche Seele hätte wohl »Lust« darauf, Bewusstsein zu erfahren, wenn da nicht wenigstens ein Kick dabei wäre? Es scheint, die Natur (oder Gott) haben das mit einer gewissen Absicht so eingerichtet. Überleben sollte belohnt werden. Wenn ich vor dem Tiger fliehen konnte, wenn ich meinen Feind niederstrecken konnte, wenn ich mich fortpflanzte, dann wurde ich dafür belohnt. Nicht ohne Grund ist Lust mit dem Sexualchakra verbunden (wie auch der pathologische Gegenpol - der Frust). Es wurde belohnt, dass Leben zu leben, der Wille zu überleben, Bewusstsein zu erleben, Erfahrung für das Universum zu sammeln.

Wenn hingegen Frust einsetzt, bleiben Verlangen nach Belohnung und Lust unbefriedigt. Die Zellen schreien zum Gehirn, weil ihre chemischen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Der Mensch wird depressiv, verwirrt oder er leidet. Der Geist sucht (Sucht?) nach anderen Situationen, um belohnen zu können. Unter Umständen werden andere neuronale Verbindungen gelegt, die bei schlimmen Situationen das Belohnungssystem anwerfen müssen. Denn wir brauchen das gute Gefühl.

Da gibt es Menschen, die unter Stress essen müssen. Sucht! Selbstsabotage! Denn Stress hat mit gefühlter Lebensgefahr zu tun! Welcher normale Mensch würde sich da hinsetzen und Essen in sich hineinstopfen, sich schwer und unbeweglich machen? Natürlich muss sich das Bewusstsein von nicht kämpfen oder nicht weglaufen wollen (es ist übrigens ein Mangel an Mut bzw. Wut auf sich selbst) auf der physischen Ebene manifestieren, so kann es bei Wiederholungen noch besser einfahren. Der Mensch nimmt Gewicht zu und macht seinen Körper träge. Er behindert den Abtransport von Schlacken. Ganz nach dem Motto: Wenn die Schlacken schon mal da sind, kann ich sie auch behalten. Wenn so jemand wieder schlank werden will, muss er sich süchtig machen nach 65 kg Körpergewicht. Er muss die Lust spüren, wie es sich anfühlt, mit einer Leichtigkeit den Berg hinauf zu schweben, für seine Figur bewundert zu werden. Das Gehirn wird dann die Chemie umstellen und andere neuronale Verbindungen legen. So funktioniert im Prinzip auch Mentaltraining, es werden lustvolle und sehr lebendige Emotionen kreiert, diese verbunden mit dem gewünschten Endzustand.

Wenn ich schöne oder hässliche Kleidung kaufen muss oder die Kleidung meines Idols - alles ist Sucht. Was für ein Gefühl, ein schlechtes Selbstbild wieder und wieder bestätigen zu können? Ungesunde Sucht geht bis dahin, sich von anderen Menschen ausnutzen, quälen und misshandeln zu lassen. Das ist auch der tiefe Grund, warum sich die Partner einer destruktiven Gemeinschaft nach endlich erfolgter Trennung bald wieder in einer ähnlichen Situation befinden.

Sogar die viel beschworene Liebe ist häufig nichts weiter als Sucht, es sei denn sie wäre bedingungslos. Benötige ich aber meinen Partner, um den Schalter bei mir umzulegen, damit meine Chemiefabrik angeworfen wird, dann ist das eine Bedingung. Wenn mein Partner das eines Tages nicht mehr macht, ist auch schnell die ganze Liebe weg. Meine Partnerschaft war nur eine Sucht, die eines Tages nicht mehr befriedigt wurde.

Menschen, die ich liebe, sind bereit, meine emotionalen Bedürfnisse zu teilen, was auch immer diese seien: sexuell, quälend, betrügend, Macht oder Kontrolle. Wenn ich mich nicht wertvoll fühle, so brauche ich diese Emotion, die mich fühlen lässt, wertvoll zu sein. So kann ich süchtig nach Wut werden oder nach Aushungern. Verliebt zu sein kann eine Erwartungshaltung sein, Vorfreude auf eine Emotion, nach der ich süchtig bin.

Dr. Joe Dispenza beschreibt im Film Down the Rabbit Hole einen Laborversuch mit Hunden. Diese wurden an ein Gerät angeschlossen, welches auf Knopfdruck Neuropeptide freisetzen konnte. Die Hunde haben diesen Schalter allem anderen vorgezogen, das Lustgefühl auf Bestellung war wichtiger als Hunger, Sex, Durst und Schlaf. Das ging bis zur physischen Erschöpfung und Kollaps, bevor die Tiere an ihre Überlebensbedürfnisse gedacht hätten.

Wenn jede Emotion süchtig machen kann so ist es gut vorstellbar, dass ein Mensch nach Stress süchtig wird und den Job nicht wechseln kann, die Beziehung nicht aufgeben kann, auf seine Bedürfnisse nicht mehr achten kann. Wenn ich meinen emotionalen Zustand nicht verändern kann, muss ich zwangsläufig nach diesem Zustand süchtig sein. Ich muss Situationen erzeugen, damit die entsprechenden chemischen Bedürfnisse meiner Zelle befriedigt werden können.

Das tiefe Eintauchen in die eigenen Gefühle birgt die Gefahr, dass die Gefühle zum Werkzeug des Denkprozesses werden. Bestimmen die Gefühle dann die Gedanken, lebt der Mensch nur noch von der Vergangenheit. Gefühle hängen schliesslich immer mit vergangenen Erlebnissen zusammen. Ich werde mir in der Konsequenz eine Zukunft kreieren, die meiner Vergangenheit entspricht. Bin ich in Opferbewusstsein, Leiden oder Unsicherheit verstrickt und sind meine Gefühle zum Barometer meiner Realität geworden, kann meine zukünftige Realität nur meiner aktuellen Verstrickung entsprechen. Wenn ich nur Opferbewusstsein kenne, werde ich wieder Opfersituationen erleben. Das ist alles, was ich weiss.

Will ich eine neue Zukunft kreieren, muss ich alte Gefühle hinter mir lassen. Ich muss darauf verzichten, dass meine Gefühle über meine Gedanken bestimmen. Wenn ich dass schaffe, breche ich die alten Assoziationen auf, das neuronale Netz kann die Komponenten zerstreuen. Die Assoziationen werden gekappt. Eine neue Idee, ein neues Konzept, ein Traum, der nie erlebt wurde, der deshalb noch keine Emotion enthält, kann wenn ich es dann will, erlebt werden. Das ist die grösste Herausforderung für einen Menschen.

Hypothalamus Der Hypothalamus ist in der vedischen Physiologie mit Chandra (dem Mond) verbunden. Seine Eigenschaften entsprechen denen einer Mutter oder Königin, weibliche Eigenschaften der Aufrechterhaltung des Status Quo im Körper. Er kontrolliert das nährende Verhalten, die Körpertemperatur, das Fortpflanzungsverhalten und die Hormonzyklen mit verschiedenen Frequenzen, z.B. den 28 tägigen Zyklus der Frauen. Er ist der wichtigste Regler für alle Körperfunktionen: Herzschlag, Blutdruck, Hunger, Durst, osmotischer Druck, Sexualhormone, Stresshormone, Immunreaktionen, autonomes Nervensystem. Der Hypothalamus kann jede Hormondrüse des Körpers kontrollieren. Der Hypothalamus, der direkt unter dem Thalamus in der Mitte des Gehirns liegt, ganz eng an Hypophyse und Türkensattel, ist wie eine kleine Fabrik. Er baut die Chemikalien zusammen, die haargenau auf bestimmte Emotionen passen, die ich erlebe. Das sind prinzipiell kleine Ketten von Eiweissen oder Aminosäuren. Diese werden auch Neuropeptide oder Neurohormone genannt. Es gibt Chemikalien für Wut, Trauer, Opferbewusstsein oder Lust. Erlebe ich einen bestimmten emotionalen Zustand im Körper oder Geist, baut der Hypothalamus sofort das entsprechende Peptid zusammen und schüttet es über die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) in den Blutkreislauf. Von hier findet das Peptid zu den verschiedenen Körperteilen.

Jede Körperzelle ist an der Oberfläche mit tausenden so genannter Rezeptoren ausgestattet. Diese warten nur darauf, dass ein entsprechendes Peptid auftaucht. Dockt das emotionale Peptid an, so ist es wie ein Schlüssel, der in ein Schloss passt. Es klingelt an der Zelltür, und das Signal wird durch die Zellmembran, das Gehirn der Zelle, der Filter, in die Zelle gesandt. Das Peptid verändert die Zelle, solange es angedockt ist. Es setzt eine ganze Kaskade biochemischer Abläufe in Gang. Einige können den Zellkern verändern, sodass nach der Zellteilung neue Zellen mit anderer Anatomie, Physiologie und anderem Bewusstsein entstehen. Auf Kosten von Rezeptoren für Nährstoffe, Vitamine, Mineralien, Flüssigkeitsaustausch oder Abtransport von Abfallprodukten könnten sich z.B. mehr Rezeptoren für die spezifische Emotion auf der Oberfläche anfinden. Die neue Zelle ist von minderer Qualität. Alterung ist die Folge von emotionalem Missbrauch.

Candace Pert verweist darauf, daß sogar einzellige Organismen mit emotionalen Molekülen ausgestattet sind. Das Lustprinzip scheint grundsätzlich am Leben zu sein.

Die allermeisten Menschen wissen nicht, dass sie süchtig nach ihren Emotionen sind. Jeder ist süchtig. Und jeder ist nur deshalb süchtig, weil er noch nichts Besseres gefunden hat, wonach er süchtig sein könnte. Wenn er etwas findet, so ist es hoffentlich etwas gesünderes, so wie Reiki

Jeder hat für die Probleme seines Lebens eine Kiste mit Lösungsstrategien im Gehirn. Die Strategien bestimmen die Körperchemie. Wenn ich das neuronale Netz ändern will, brauche ich eine andere Kiste. Ich muss meine Identität ändern, meine Einstellung, die Wechselwirkungen mit meiner Umgebung.

Wer in einer Abfolge von vergnüglichen Momenten durch das Leben geht merkt gar nicht, wie sehr er von diesen äusseren Faktoren abhängig ist. Erfüllt von Lust ist für wahres Glück kein Platz. Lust und Vergnügen sind temporär. Bald schon können sie in Schmerz oder Desaster enden. Denn Abhängigkeit ist die Ursache allen Leidens. Unabhängigkeit oder Autonomie wäre die Lösung.

Wahres Glück ist von Dauer. Wenn der innere Frieden zur Wirklichkeit wird, dann hat Reiki seine Arbeit getan, und ich werde Reiki nicht mehr praktizieren müssen.

Wer Sucht nicht versteht, wird niemals seinen Körper verstehen.

Der Hirnforscher Wolf Singer über die größten Irrtümer und die Zukunftsvisionen seiner Forschergemeinde: Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, dass unsere geistigen und mentalen Leistungen die Folge von neuronalen Prozessen sind - und nicht umgekehrt. Sie sind meist heimliche Dualisten und glauben, dass da ein unabhängiger Geist schaltet und waltet und irgendwie mit dem Gehirn wechselwirkt, damit es das tut, was der Geist will. Ein soziales Organ

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Rafael Nadal und der Frieden im Geist

April 2010

Rafael Nadal und Fernando Verdasco
Rafael Nadal und Fernando Verdasco Australian Open 2009

Als ich das Foto von den Australian Open in der Zeitung sah, ging in mir sofort etwas in Resonanz. Da war Rafael Nadal, der Sieger im Halbfinalspiel, und er war total gelöst und hat unglaublich viel Frieden ausgestrahlt. Fernando Verdasco rechts im Bild ist dagegen voller Anspannung, vielleicht sogar gemischt mit etwas Wut darüber, das Spiel verloren zu haben. Jeder kennt das Gefühl, Sieger zu sein, wenn auch nur für einen Moment, das Gefühl von Frieden, das sich einstellt. Das gleiche Gefühl stellt sich ein, wenn ich mir einen Wunsch erfülle, oder wenn ich einen Wunsch erfüllt bekomme. Plötzlich ist da der Frieden im Geist, für einen Augenblick die totale Zufriedenheit, dass, was die Buddhisten als höchstes Lebensziel anstreben, dass, was auch Mikao Usui finden wollte auf dem Kurama Berg, wofür er bereit war zu sterben, wodurch er schließlich zu Reiki fand.

Warum stellt sich bei mir in einzelnen Momenten dieser Frieden ein? Ist es wirklich der Sieg? Ist es wirklich die bestandene Prüfung? Ist es wirklich das neue Auto? Den Sieg könnte ich in einem Jahr immer noch aufzeigen. Die Prüfung wäre immer noch bestanden, und auch der Fakt des Autos bliebe bestehen. Wenn ich dann also nicht mehr im Zustand des inneren Friedens bin, so kann es daran nicht gelegen haben.

Was essentiell im Moment des Friedens war, war die Abwesenheit von etwas, von Verlangen nämlich. Im Moment des inneren Friedens ist alles gut so wie es ist. Ich wünsche mir gerade nichts, und deshalb bin ich zufrieden. Wenn ich im Frieden bin, gibt es nichts, was ich tun muß.

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Der Gute, der Böse und der Verrückte

Dezember 2009

Porträt Axel Ebert
Axel Ebert

Der Film kam diesen Sommer aus Korea in die deutschen Kinos. Warum er nicht in der Schweiz gezeigt wurde, weiss ich nicht. Der Originaltitel The Good, The Bad and The Weird ist eine Anspielung an den Italowestern The Good, The Bad and The Ugly. Es ist eine Art Western, der in der Mongolei spielt. Es gibt die üblichen Schiessereien, Gemeinheiten, die Jagd nach einem Schatz, und wie so oft die Welt von Gut und Böse. Dazwischen taucht immer wieder dieser Verrückte auf. Eigentlich ist er nicht verrückt, eher vom Glück des Tollpatschigen verfolgt. Jedenfalls gibt es immer wieder verrückte Fügungen, die ihm in dem harten Kampf das Leben retten. Natürlich hat er ein Talent, sich diesen Situationen hinzugeben, ja - sie sogar weiterzutreiben. Fast ist es müssig zu sagen, dass er im grossen Showdown mit Gut und Böse der Einzige ist, der überlebt.

Ich glaube, ich habe die Bedeutung der Verrücktheit bislang unterschätzt, wahrscheinlich wegen des Beigeschmacks, von der Normalität ver-rückt zu sein. Dabei ist Normalität nach C. G. Jung das ideale Ziel der Erfolglosen, die Jauchegrube des Mittelmasses, die weiter weg als alles von einem erfüllten Leben ist. Wenn ich in Scheuklappen von Gut und Böse denke, wird mein Gehirn in allen Situationen immer wieder Bestätigung dafür finden, dass die Welt genauso ist, wie ich sie sehen will. Dann werde auch ich immer Bestätigung dafür finden, dass ich genauso bin wie das, wofür ich mich halte, meine Identität, meine Glaubensmuster.

Die Chance für Veränderung, die Notwendigkeit der Anpassung, die überlebenswichtige Flexibilität gehen dabei aber verloren. In der Tat braucht das Gehirn verrückte Situationen, man sollte sich wenigstens im Geist darin trainieren, sich etwas total Unglaubliches vorstellen zu können. Gehirnwissenschaftler haben übrigens gezeigt, dass viele Dinge gar nicht so unglaublich sind. Es fehlen einfach bestimmte Vernetzungen im Gehirn, die diese Dinge als Möglichkeit abspeichern und durch Wiederholung des Gedankens bestätigen können. Wenn ich mich immer wieder im Kreis drehe, denkt es immer die gleichen Gedanken.

Wenn ich vor 2 Alternativen gestellt werde - käme ich dann auf die Idee, dass es vielleicht auch einen dritten Weg gibt? Dazu braucht es diese Verrücktheit. Mit ihr kann ich das Paradox in meinen Gedanken erkennen. Mit ihr kann ich neue Wege sehen. Die Verrücktheit kann einen Feind zum Freund machen, und diese Freundschaft kann sehr stark werden, weil zuerst ehrliche Gefühle sich getroffen haben, weil danach Glaubensmuster haben abfallen können. Indem ich mir selbst beweise, dass ich mit meinen alten Gedanken Unrecht habe. Das ist die hohe Schule der Philosophie, die Dialektik.

Spontanheilungen scheinen mit diesem Mechanismus zu arbeiten. Es passiert etwas, das der alte Geist nicht beurteilen kann, es zeigt sich etwas, das nie angeschaut wurde. Im Bewusstsein findet eine Verschiebung statt. Der Geist kann eine andere Lösung, eine andere Möglichkeit von Realität plötzlich als wahrscheinlich annehmen. Mehr als das: er ist überzeugt davon. Quantenphysiker sprechen davon, dass Wellenfunktionen von Wahrscheinlichkeiten plötzlich in einer Möglichkeit zusammenfallen. Diese wird dann zu Materie.

Lang Lebe das Verrückte.

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Der schmale Grat zwischen Zufall und Schicksal

Juni 2009

Es gibt einen schmalen Grat zwischen Zufall und Schicksal. Das ist die ganze Freiheit, die ich habe.

Ich glaube, dass dieses Bild essentiell die Bedeutung meines Lebens beschreibt. Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie frei bin ich? Was ist Freiheit? Hat alles eine Bedeutung? Bin ich von Ursachen abhängig? Kann ich meine Zukunft selbst bestimmen? Gibt es überhaupt Ursachen, oder passieren die Dinge doch irgendwie zufällig?

Mae-Wan Ho schrieb in The Biology of Free Will, es müsse das Gesetz von Ursache und Wirkung geben, denn in einer akausalen Welt wäre ist es unmöglich, frei zu sein. Was wäre das für eine Freiheit, wenn irgendetwas einfach so und irgendwie passieren würde? Dann wäre ich überhaupt nicht frei.

In Ursachen - seien sie bekannt oder nicht - kann ich eine Erklärung dafür finden, warum es mir so geht, wie es mir geht. Manche Glaubenssysteme gehen soweit, dass ich in meinem (heutigen) Leben nur noch das ausbaden kann, was andere und ich einmal angerichtet haben. Die Zahlen meines Geburtsdatums, die Stellung der Planeten, sind dies Ursachen, deren Wirkung ich heute ausleben muss? Wenn aber eine Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft - wie frei kann ich dann sein, hänge ich doch von meinen vergangenen Handlungen ab und von den Handlungen, die andere vollziehen? Am Rande des Grats zu Karma oder Schuld hört zumindest die Bedeutungslosigkeit des Lebens auf.

Es scheint, weder im Schicksal noch im Zufall lässt sich Freiheit finden. Gibt es sie überhaupt? Wie äußert sie sich dann? Ist Freiheit überhaupt wichtig? Bin ich nicht ein Teil vom Ganzen? Kann ich mir und dem Ganzen erlauben, selbst frei zu sein? Welche Bedeutung hat mein Teil im Ganzen? Wie wichtig bin ich?

Ich beobachte Menschen, die scheinen alles im Griff zu haben. Sie scheinen Kontrolle zu haben. Sie scheinen frei zu sein, da ihr Wille geschieht. Sie brauchen viel Kraft. Sie manipulieren. Sie sind süchtig nach der Bestätigung, wichtig und frei zu sein. Sie sind davon abhängig. Dann kommt jemand, und plötzlich geschieht NICHT ihr Wille. Sie sind also nicht frei.

Ist die Bibelaffirmation »Dein Wille geschehe« ein Zeichen von Freiheit? Ist Freiheit gleich Frieden?

Bin ich frei, wenn ich geboren werde? Bin ich frei, wenn ich sterbe? In Freiheit kulminieren sich die großen 4 Bewusstseinsthemen, die die ganze Sinnlichkeit, Freude und Tragik im Leben beschreiben: Trennung, Zeit, Schuld und folglich die Individuation (Selbstwahrnehmung).

Trennung

Ich habe das Gefühl von Getrenntsein in tiefster Trauer wahrgenommen, als ich am heiligsten Berg Tibets meine Reikibehandlung unter argem Luftmangel machte. Es war ein überraschend starkes Erlebnis. Gott sei Dank hatte ich Reiki dabei.

Trennung zeigt sich in kontrollstarken Menschen und ihrer Idee, wichtig zu sein. Diese Menschen merken nicht einmal, wie sie die Dinge, die sie anderen überstülpen, sich selbst überstülpen. Trennung und Schuld können zu brutalstem Verhalten den Mitmenschen und der ganzen Erde gegenüber führen.

»Nach mir die Sintflut« sagt einiges über das Bewusstsein getrennter Menschen aus, wenn man den Wert eines Lebens daran bemisst, wie es hilft, dass das Leben auf dieser Erde weitergehen kann, welchen Dienst der Einzelne der Gemeinschaft leistet.

Helmut Schmidt wurde in einem Interview einmal gefragt, wie es sich im 2. Weltkrieg angefühlt habe, Menschen zu erschießen. Er antwortete, es sei in keinster Weise ein Unterschied zu dem Gefühl, erschossen zu werden. Die Weisheit dieses so sachlichen Mannes, seine bodenständige Spiritualität, hat mich tief berührt.

Schuld

Es gibt auch einen schmalen Grat zwischen Vergebung und Schuld. Das Zufallskonzept hat mir viel Frieden gegeben, was »Schuld« betrifft. Mit den Reikibehandlungen wurde mir sehr schnell klar, dass ein anderer Mensch keine Schuld daran trägt, wie es mir geht. Das ist ja auch logisch, wenn ich beginne, selbst Verantwortung zu übernehmen. Aber so tief wie mich oben das Konzept der Trennung traf, übermannte mich die Schuld, denn irgendjemand musste ja Schuld daran haben, wie es mir heute geht. Schuld und Verurteilung mir selbst gegenüber war die Konsequenz. Es erschüttert mich wahrzunehmen, wie sehr ich verstrickt bin in Konzepten, für die ich rational immer eine passende Antwort weiß. Selbst Schuld zu haben steckt tief in meiner Kultur, tief in meiner Erziehung! Das lähmt! Wenn ich Bestätigung dafür suche, dass dem so ist, wenn ich das nicht loslassen will aus Angst, diese meine Identität zu verlieren. Denn wo kriege ich so schnell eine andere Identität her?

Individuation

Lösungen (und Mut) um diese Konzepte sprechen die Individuation an, damit ich mich von meinen Vorurteilen befreie und auf eine gesündere Art wahrnehmen kann. Und hier ist mir der Zufall so sympathisch und hilfreich. Indem ich sage, dass einige Dinge in meinem Leben einfach »neben mir passiert« sind, nehme ich der Schuld ihre Ladung, verneine ich die Schuld sogar. Die Vorstellung ist, dass ich einfach irgendwo anwesend bin, sagen wir einmal zufällig, und was passiert, passiert einfach sowieso, nur bin ich jetzt eben da und erspüre, erfahre, was da gerade passiert. Es hat nichts mit mir zu tun, eher mit dem Drama, welches auch ohne mich stattgefunden hätte. Ich glaube, diese Ansicht ist die einzig mögliche, um die Wichtigkeit des eigenen Ego zu neutralisieren, in der eigenen Unwichtigkeit Schuld aufzulösen und den ganzen Ballast dieses Konzeptes abzuschütteln. Viele Menschen versuchen es mit Vergebung, aber wie soll das funktionieren? Ist es nicht wie im Schmidt-Zitat oben? Wie könnte es ohne die Anerkennung von Schuld überhaupt Vergebung geben? Vergebung und Schuld sind Synonyme. Und am Rande des Grats zum Zufall hört die Schuld auf.

Zeit

Zeit ist eng verbunden mit Sterblichkeit und diese wiederum mit Trennung. Die Vergangenheit als fix anzusehen und die Zukunft als unbekannt hilft mir, mich in der Zeit sicher zu fühlen, wie Michio Kaku sagte. Was aber ist Zeit? Zeit besteht aus Zeit, die vergangen ist, Zeit, die zukünftig ist und Zeit, die gegenwärtig ist. Das Zukünftige existiert jedoch noch nicht, das Vergangene existiert nicht mehr, und das Gegenwärtige nimmt überhaupt keine Zeit in Anspruch. Wie also - fragte schon Dr. S. Augustine in seinen Konfessionen im 4. Jahrhundert - kann Zeit überhaupt existieren? Es gibt auch nur einen schmalen Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft, und vielleicht ist das nur ein anderer Ausdruck für den schmalen Grat zwischen Zufall und Schicksal.

Das ganze Leben hindurch wandere ich auf diesem schmalen Grat. Dieser schmale Grat beschreibt den ganzen Sinn, den mein Leben hat, die kleine Bedeutung an den Abgründen der Bedeutungslosigkeit, die kleine Freiheit an den Grenzen der Verantwortung, das kleine Glück, Leben zu erfahren am Rande der Erfahrungslosigkeit, die kleine lokale Autonomie, die sich dann einstellt, wenn meine Teilnahme am Universum, mein Folgen der pulsierenden Einheit in Synchronizität, im Fühlen und Antworten mich agieren lässt wie eine Welle im Ozean, vollständig integriert, wie Jung es einst beschrieb, wenn jede Zelle im Körper, jeder Gedanke im Geist, innen und außen, komplett im Einklang ist mit der ganzen Natur.

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Treffen mit meinem inneren Kind

April 2009

Treffen mit meinem inneren Kind
Treffen mit meinem inneren Kind

Im März habe ich an einem speziellen Seminar teilgenommen. Es heißt Breakthrough oder auf Deutsch »Durchbruch«. Es wurde von Esther Veltheim entwickelt, Mitgründerin des Reiki Network. Mit Durchbruch sind eigene Masken und Sabotageprogramme gemeint, die der Seminarteilnehmer gewillt ist (den Mut hat) zu durchdringen, um ein freieres Leben, ein authentischeres Leben führen zu können, mit weniger Konditionierungen, mit weniger Überreaktionen. Unbewusst gehen wir mit der Reiki Selbstbehandlung die Sabotageprogramme sowieso an, aber aktive Schritte sind manchmal hilfreich.

In 7 Schritten (oder 7 Fragen) wird der Teilnehmer durch eine Lebenssituation geführt, in der so eine Überreaktion stattgefunden hat. Für mich war das letztlich ein sehr befreiendes Erlebnis, welches durch tiefe Einsichten in unterdrückte Emotionen und ein mangelhaftes Selbstbild führte.

Es braucht tatsächlich viel Mitgefühl seitens des Seminarleiters, um bei den Antworten auf die 7 Fragen nach innen horchen zu können, nachzuhaken, Zweifel anzumelden, die Maske wirklich anzuheben zu können. Es ist wie mit einem wahren Freund, der einem auch Kontra gibt, statt immer nur das eingefahrene Bild zu bestätigen.

Linda hatte dieses Mitgefühl, und es war sehr berührend, wie ich ihre Tränen herunter laufen sah, als sie mich durch meine 7 Schritte führte. Ich saß als »Beispiel« vor 40 anderen Seminarteilnehmern, und ging dabei selbst durch allerlei Abwehrstrategien, bis ich auf einmal dieses »A-Ha« hatte.

Meine Geschichte war die eines gefühlten Verrats oder Missbrauchs durch einen Menschen, den ich bewunderte, aber wie so oft spiegelt das Erlebte immer nur das wider, was innen drin vor sich geht. Nur hatte ich das so schön zugedeckt, immer wieder meisterlich in all den Jahren meines Lebens, dass ich trotz aller Theorie nicht darauf gekommen wäre.

Es fühlte sich ungemein schwer an zu hinterfragen, was ich von mir selbst denken musste. Bis ich plötzlich Wut auf mich selbst entdecken konnte und realisierte, dass ich mich selbst für einen wilden und gefährlichen Menschen hielt, dass ich es deshalb nur verdiente, betrogen zu werden.

Dann gab es einen Moment, da stellte ich mir vor, dem kleinen 4 Jahre alten Axel zu begegnen, so süß, offen, vergebend - und überwältigend zu sehen, wie er seine kleine Hand zum älteren Axel ausstreckt, als ob all die inneren Glaubenssysteme nie verletzt hätten. Mit so einem Lächeln zu sagen »Willkommen zurück, ich habe auf Dich gewartet«. Mit Dankbarkeit, Stolz und Freude greife ich seine kleine Hand, und wir beide gehen zusammen einen Weg entlang, den er auswählt.

Es schien, der kleine Axel könne viel schneller vergeben, und das noch ohne jegliche Bedingung, einfach ergreifend!

Ich fühlte Frieden.

Im Kopf wußte ich, dass es keine Vergebung geben kann, weil es niemanden gibt, dem man die Schuld geben könnte, noch nicht einmal mir selbst. Aber vom Beobachten dieser Geste der Vergebung erkannte ich plötzlich, dass dies auch für mein inneres Selbst zutrifft.

Über viele Jahre hatte ich Götter als Vorbilder, wie ich sein wollte. Es scheint, ich wollte recht weit von meinem inneren Selbstbild weg sein. Seit Reiki 2 und Mentaltraining hatte ich innere Reisen zu meinem »wahren Führer« gemacht, das heißt ich hatte mich mit der Essenz zunächst von Buddha und später von Jesus verbunden. Ich fand es immer bemerkenswert, dass auf diesem Etikett nur »wahrer Führer« stand und keine spezifische Person, ich ahnte wohl, es könnte die falsche sein.

Am Abend nach den 7 Schritten realisierte ich plötzlich, dass ich mich anstelle dieser Führer mit meinem inneren Kind verbinden wollte. Ich nahm den ganzen Papierstoß aus dem Seminar, mein Namensschild, und machte die Reiki 2 Technik. Als die Verbindung stand, ging ich weiter ins Mentaltraining, Alpha Zustand, und dann traf ich den kleinen Axel wieder.

Wir haben viel Zeit zusammen verbracht. Ich habe seine Bedürfnisse gespürt, geliebt und genährt zu werden, und plötzlich passte alles zusammen. Es war schön zu sehen, dass ich meine eigenen Bedürfnisse beachten sollte, egal was da draußen passiert.

Ich konnte es nicht mehr ignorieren. Und dann verstand ich plötzlich: mein eigenes inneres Kind zu treffen bedeutete, meinem wahren Führer begegnet zu sein.

Das nächste Mal im Mentaltraining traf ich den kleinen Axel wieder. Ich fand mich plötzlich mitten auf einer kleinen magischen Insel wieder. Wir saßen uns auf einem säulenartigen Stein mit gekreuzten Beinen gegenüber. Wie in einem Ritual beugte sich der kleine Axel nach vorn, und mit seinem rechten Zeigefinger berührte er mein drittes Auge. Es fühlte sich sanft an, ruhig, frisch, befreiend. Einen Moment dachte ich, ich sollte ihm von meinem Erwachsenenpunkt etwas Gleichartiges geben, aber ich merkte sofort, dass dies keinen Sinn machte. Wir lächelten beide. Plötzlich stand er auf und lief . . . in mich hinein! Es fühlte sich großartig an. Dann merkte ich - er würde nicht mehr herauskommen. Ich war schockiert.

Aber dann verstand ich. Ich hatte Verantwortung zu übernehmen. Ich bewunderte das Vertrauen und den Mut meines inneren Kindes. Ich fühlte mich EINS. Die Furcht verschwand. Der kleine Axel war in mir!

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Die acht Geheimnisse der Männer

Februar 2009

James Hollis: Im Schatten des Saturn
James Hollis: Im Schatten des Saturn

Viele Männer tragen einen Berg von Wut und einen See von Tränen in sich. Das ist die traurige und wahre Botschaft, sei es wegen einer psychologisch invasiven Mutter oder wegen eines abwesenden oder aggressiven Vaters. In seinem Buch »Im Schatten des Saturn« hat der Jungsche Analytiker Dr. James Hollis diese Dynamik in eindrucksvoller Tiefe beschrieben.

Psychologisch gesehen sind die meisten Männer unserer Zeit bezüglich ihrer Männlichkeit essentiell verletzt und nicht eingeweiht geblieben. Für uns Männer ist es an der Zeit, bewußter auf die eigenen Verwundungen zu schauen. Für einen Mann ist es eine der größten Entwicklungsaufgaben, die Verbindung mit seiner leiblichen Mutter auf eine gesunde Art und Weise zu trennen. Nur dann kann er in Berührung mit seiner eigenen Seele kommen und sich auch vom Schatten des Saturn befreien. Das Buch enthält eine Reihe von Beispielen, wie die Übergangsriten in verschiedenen Stämmen und Naturvölkern noch heute beachtet werden. Es ist seltsam genug, daß die zivilisierte Welt ihren eigenen Söhnen für diesen wichtigen Übergang vom sorglosen Leben des Kindes zum verantwortungsvollen Erwachsenen so wenig Beachtung und Orientierung schenkt.

Ich empfehle dieses Buch, und enthülle als Vorgeschmack die dort beschriebenen 8 Geheimnisse, die alle Männer in sich tragen.

  1. Das Leben der Männer ist in demselben Maße von restriktiven Rollenerwartungen bestimmt wie das der Frauen
  2. Das Leben der Männer ist ganz wesentlich von Angst bestimmt
  3. Die Macht des Weiblichen nimmt im psychischen Haushalt des Mannes einen riesigen Platz ein
  4. Männer nehmen insgeheim an einer Verschwörung des Schweigens teil, die dazu dient, ihre emotionale Wahrheit zu unterdrücken
  5. Da Männer die Mutter verlassen und den Mutterkomplex überwinden müssen, sind Verwundungen unumgänglich
  6. Das Leben der Männer ist von Gewalt geprägt, da ihren Seelen Gewalt angetan wurde
  7. Jeder Mann trägt eine tiefe Sehnsucht nach seinem Vater und nach seinen Stammesvätern in sich
  8. Wenn Männer Heilung erfahren sollen, müssen sie das, was sie nicht von außen erhalten haben, in sich selbst aktivieren

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Der alte Indianer und der Tod

Dezember 2008

Wenn eine Welle im Ozean auftaucht, so ändert das die Natur des Ozeans überhaupt nicht. Es ist immer noch Wasser. Die Welle gehört zum Ozean. Sie ist nicht vom Ozean getrennt. Welle und Ozean sind nicht-zwei oder ver»zwei«felt, und ausser einer Erscheinung ist nichts weiter passiert. Auch im Gewahrsein scheint Bewusstsein aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Auch diese Erscheinung ändert das Gewahrsein oder das Absolute nicht im Geringsten. Das Bewusstsein ist vom Gewahrsein nicht getrennt. Das heisst - nichts ist wirklich passiert.

Vor nicht allzu langer Zeit las ich ein Interview mit dem bekannten Opernsänger Rolando Villazón. Es gab viel zum schmunzeln wie der Tip, immer mit Papier zu rascheln, wenn man bei Behörden etwas erreichen wolle. Und dann kam plötzlich die Geschichte vom Tod seiner magischen, fast irrealen Grossmutter: »Eines Tages rief sie uns an und sagte, dass sie den Tod nahen fühle. Sie sagte, dass sie uns liebe und uns für alles danke, aber jetzt sei der Augenblick des Abschieds gekommen. Wir sind natürlich sofort ins Auto gestiegen und zu ihr gerast - und als wir ankamen, war die Tür verschlossen. Wir haben überall nach ihr gesucht, aber sie blieb verschwunden. Sie hatte beschlossen, wie die Elefanten zu sterben. Sie ist einfach verschwunden«.

Ich war verblüfft und sprachlos, und ohne jeden Moment des Abwägens kam mir sofort der Gedanke: Wow! Das ist die beste Art zu sterben! Was für eine mutige Frau, und welch starkes Vertrauen in die Bedeutung des Todes - nicht im Jammern zu gehen, eingeengt von Angehörigen, die nicht loslassen können, die eine Trauer und ein Leiden affirmieren, die dem Scheidenden die Luft zum erhabenen Übergang nehmen, das Gefühl nehmen, immer von der eigenen Energie getragen zu sein.

Und plötzlich war es da, dieses Bild vom alten Indianer, der einsam und allein auf der Spitze eines Berges sass und sich bereit machte zu sterben, denn er wusste, seine Zeit war gekommen. Wie viele Filme haben mir dieses starke Bild vorgehalten, und wie viel Kraft liegt eigentlich darin?

Wenn wir Rituale und Initiationen in unserem Leben erhalten - das Privileg ist schon etwas besonderes - dann sind das auch starke Momente, aber sie sind verbunden mit irgendwelcher Aktivität.

Dieses letzte Ritual dagegen ist eines ganz in Stille, ganz ohne jedes Zutun. Vielleicht ist es das stärkste von allen.

Kommt dann der Einblick in die tiefe Bedeutung, die das einzelne Leben ausgemacht hat? Kommt vielleicht Klarheit, die die ganzen Tragödien und Glücksmomente in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen? Kommt vielleicht eine Einsicht und tiefes Verständnis, ein Teil von allem zu sein? Kommt ein inneres Wissen über die wahre Natur?

Kann ich dann vielleicht die Frage beantworten »Wer bin ich?«

Es heisst, der bewusste Geist sei nur eine Illusion, er erzeuge deswegen so viel Drama, damit ihm weiter Aufmerksamkeit geschenkt würde. Schliesslich existiert nur das, was Aufmerksamkeit erhält! Schenke ich einer Illusion Aufmerksamkeit? Und warum? Die gleichen Philosophen messen dem bewussten Geist dennoch einen Wert bei: Man könne erkennen, wer oder was man nicht ist! Ein Anfang und eine ganz spannende Idee ist die Feststellung, dass ich nicht sein kann, was ich besitze. Was bedeutet es dann, wenn ich sage - mein Körper? Was bedeutet es, wenn ich sage - mein Geist, meine Gedanken?

Der symbolische Tod

Ein Freund von mir hat einmal ein sehr spezielles Unternehmen gewagt. Er liess sich für 24 Stunden eingraben, ein symbolischer Tod. Ist das nicht schrecklich mutig?

Ich bin überzeugt, dass solche Rituale die gleiche Einsicht hervorbringen können, wie sie der Indianer dort hoch oben hat. Zudem nehmen sie die Angst vor dem Tod, da man ihn erlebt, ohne ihn erleben zu müssen. Das ist Loslassen, das Vertrauen schafft.

In Japan wird die Praxis eines symbolischen Todes als der ultimative Weg angesehen, den spirituellen Frieden des Geistes in sich zu finden. Deswegen war Mikao Usui auf dem Kurama Berg.

Die Momente des grossen Loslassens sind vielleicht die Momente, in denen die wichtigste Frage des Lebens ihre Antwort findet. Vielleicht sind sie aber auch die Momente, in denen solche Fragen nicht mehr wichtig sind.

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Übung zum Loslassen

Was wäre das für ein Abenteuer, wenn es vorhersehbar wäre und einen nicht herausfordern würde? Da ist immer die Möglichkeit, alles zu verlieren, und das Spannende ist - genau das will man erleben.

Dezember 2008

Adler in Mustang
Beim Trekking in Mustang

Es war unser vorletzter Trekkingtag. Noch einmal schoben wir uns Meter für Meter einem knapp 4000 hohem Pass entgegen. Wir waren schon eine Stunde am aufsteigen und hatten vielleicht 300 Höhenmeter überwunden. Es soll Menschen geben, die solche auf und ab's geniessen. Für mich ist es eher ein notwendiges Übel. Ich kam mir vor wie eine Ameise. Oben würde es sicher wieder genial sein, es ist immer eine Überraschung, hoch oben über die Weite Mustangs zu blicken, die Richtung zu erahnen für den Weg, der uns noch bevorsteht.

Plötzlich tauchte ein junger Adler auf, er liess sich einfach tragen und schwebte im Wind mühelos nach oben. Es dauerte keine 2 Minuten, und immer weitere Kreise ziehend, immer höher, war er plötzlich weit über uns, weit über dem Berg. Wie genial es doch ist, diese Energie zu finden, die einen trägt! Ich habe das Gefühl, der Adler lebt die Konzepte Usuis. Wenn Du zufrieden sein willst, dann ärgere Dich nicht, dann sorge Dich nicht, und tue was Du tun musst! Der Adler muss loslassen, wenn er sich vom Wind tragen lassen will, da kann er nicht mit den Füssen am Boden festkrallen oder die Flügel am Körper verkrampfen. Und er muss sich auch einlassen auf das was da kommen möge, denn wer weiss schon, wie die Winde da oben wehen werden, was da alles auf einen zukommen mag.

Loslassen ist heute als Problemlöser in aller Munde. Und es ist gar nicht so einfach. Nur mal die Dinge loszulassen, von denen ich weiss, dass ich sie nicht brauche, wie z.B. überzähliges Geld oder Kleidungsstücke, die seit Jahren im Schrank hängen. Von manchen weiss ich nicht einmal, dass ich sie habe. Es bereitet schon grosse Freude, einmal Geld loszulassen, sich etwas dafür zu gönnen oder vielleicht auch in ein Projekt zu stecken. Es fühlt sich erleichternd an, Dinge wegzuwerfen, die sich eh als Ballast angefühlt haben. Das alles ist schon wunderbar, und sicher kennt jeder das Gefühl von Befreiung, welches mit dem Loslassen von Überflüssigem verbunden ist.

Wie ist es aber, wenn es darum geht, etwas anderes loszulassen? Etwas, von dem ich meine, dass ich es brauche? Etwas, von dem ich mich ganz sicher und gerade jetzt abhängig fühle? Wie wäre das, plötzlich blind oder querschnittsgelähmt sein zu müssen, das Sehen aufzugeben oder die Unabhängigkeit? Wie schwer kann es fallen, einen geliebten Menschen loszulassen, von dem ich denke, dass ich ohne ihn nicht atmen kann? Wie weit ist es mit meiner bedingungslosen Liebe zu mir selbst und zu diesem anderen Menschen? Ich liebe mich. Punkt! Ich liebe Dich, ohne wenn und aber! Ich möchte, dass Du Deinen Weg gehen kannst ob mit oder ohne mich - egal.

Gefühle von Getrenntsein schleichen sich ein und melden ganz sanft Einspruch an. Gefühle, Opfer zu sein, abhängig zu sein, stehen gleich dahinter. Jawohl, bei diesem Loslassen bin ich viel weniger enthusiastisch, da beschleicht mich Sorge, denn es wird an meinen tief verwurzelten Glaubensmustern gerüttelt, dass es so nicht gehen kann.

Das Leben ist eine Pulverfabrik, und jeder hat die Lizenz zu rauchen. Irgendwann übernimmt so jemand Regie und etwas passiert, dass zu einer wichtigen Lektion in punkto Loslassen wird. Es passiert ein Unfall, ein geliebter Mensch stirbt usw.

Nun - mir ist nichts dergleichen passiert auf dieser Reise, und doch haben kleinere Ereignisse diese Gedanken aufkommen lassen. Vielleicht ist das gut so. Ich brauche nicht immer ein grosses Drama, um über etwas nachzudenken. Und ein Strohfeuer ist mir lieber als ein Zeitzünder.

Die Trekkingreise durch das Mustanggebiet war bis ins kleinste vorbereitet. Das war auch wichtig, denn das Königreich Mustang, tibetisch und lose zu Nepal gehörend, liegt auf 4000 m mitten im Transhimalaya. Es gibt weder Strom noch Strassen, Wasser kommt aus dem Fluss, nachts wird es sehr kalt, die dünne Luft nimmt den Atem, Sandstürme können das Fortkommen unmöglich machen. Wir hatten alles dabei von der Reiseapotheke über die Funktionskleidung, gute Schlafsäcke, Sonnenschutz, Hygieneartikel, Ersatzakkus und so weiter. Ich war ehrlich schon etwas misstrauisch, wie alles reibungslos zu klappen schien mit den ganzen Vorbereitungen einschliesslich der Anreise zum Flughafen. Und dann geschah es. Wegen technischer Probleme bei Singapore Airlines wurden wir auf Qatar Airways umgebucht, und bei Ankunft in Kathmandu war von keinem der Reiseteilnehmer das Gepäck da. Schlimmer noch - über die 3 Tage bis zum Start vom Trekking wusste die Qatar Fluggesellschaft nicht einmal, wo unser Gepäck überhaupt war. Das war unser Supergau. Wir standen da mit nichts ausser dem Handgepäck. Qatar gab weder eine Entschädigung noch Kostengutsprache für Ersatzkäufe, für Dinge, die wir brauchten.

Wir haben uns kurz beraten und dann entschieden - wir probieren es, wir riskieren es, wir improvisieren! Uns blieben 2x 4 Stunden Zeit, bevor das Trekking definitiv starten musste. Ich habe fleissig Reiki an die Trekkingreise geschickt (eine Reiki 2 Technik), natürlich. Und was dann geschah, war schon fast ein kleines Wunder.

Der Veranstalter konnte uns Daunenjacken und Schlafsäcke ausleihen, zwar nur in Grösse M aber ich konnte mich reinzwängen. Obwohl der höchste Feiertag in Nepal war, fanden wir genau das nötigste an Bekleidung und Toilettenartikeln. Eine Frau brauchte spezielle Blutzuckertabletten. Wir fanden die einzige Apotheke, die offen hatte und nach einigem Drängen auch das nepalesische Medikament, das genau die gleiche Zusammensetzung hatte. Es waren noch 2½ Packungen da, genau, was die Frau bis zum Ende des Trekkings brauchte. Am Vorabend begegneten wir dann einer schweizer Reisegruppe, die ihre Tour beendet hatte. Die Leute waren so freundlich und haben uns etwas gebrauchte Funktionskleidung geliehen.

So zogen wir los, wir hatten 4x Glück, genau im richtigen Moment auf die einzig passende Lösung zu stossen. Es war nicht sonderlich bequem, das stimmt schon, aber es hat funktioniert. Alle 3-4 Tage haben wir die wenigen Sachen provisorisch gewaschen und dann irgendwie aufgehangen. Es ist zum Glück auch niemand ernsthaft krank geworden.

Ich habe natürlich weiter Reiki geschickt, sowieso täglich - oder nächtlich die Selbstbehandlung gemacht. Zeit gab es dafür genug, lagen wir doch von 8 Uhr abends bis 7 Uhr morgens im Zelt. Mit der Zeit waren wir alle etwas erkältet. Hier war die Selbstbehandlung immer spannend, denn die Symptome sind bei mir danach regelmässig verschwunden und tauchten dann abgeschwächt an anderer Stelle auf, wurden stärker, und es gab wieder eine Selbstbehandlung.

Bei Erkältungserscheinungen hatte ich in der Vergangenheit immer etwas viel Sorge. Ich nahm dann spezielle Schleimlöser, ein Medikament, dass ich nur in Deutschland fand und welches jetzt natürlich im verlorenen Gepäck lag. Wie lange konnte das jetzt gut gehen - ohne Arzt oder Medikamente? Gott sei Dank hatte ich Reiki. In einer Herberge trafen wir andere Touristen, alle waren am husten. Eine Frau hatte scheinbar besonders zu leiden, insgeheim dachte ich mir - wenn sie doch wenigstens Reiki hätte! Trotz ihrer Situation strahlte die Frau einen unbegreiflichen Optimismus aus. Ich wünschte ihr gute Genesung und wir zogen weiter.

Wie befürchtet setzte sich bei mir dann doch die Erkältung fest, es war in der Nähe der Lungen. Wir waren mittlerweile in Lo Manthang, der Hauptstadt des kleinen Königreiches. Unser Reiseführer hatte plötzlich eine Idee, das Reiseprogram zu erweitern und eine Schule für tibetische Medizin zu besuchen. Die Schule war schon für den Winter geschlossen, aber zufällig kam Dr. Amchi Tenjing Bista vorbei. Er schaute mir in die Augen, prüfte meinen Puls, und gab mir dann 12 kleine schwarze Kügelchen. Meine Erkältung ging schon mit der Einnahme der ersten Dosis spürbar zurück.

All die glücklichen Zufälle haben mich seither immer wieder fragen lassen, wieviel Reiki dabei im Spiel war.

Wir haben manchen Abend in unseren geliehenen blauen Daunenjacken um den Tisch gesessen und über unser Glück im Unglück philosophiert. Einmal erinnerte sich eine Teilnehmerin an ein Ereignis während ihrer Reisevorbereitungen. Voller Stolz hatte sie Ihrer Freundin die neu erstandene schwarze Funktionsjacke gezeigt, die sie für das Trekking gekauft hatte. Daraufhin erwiderte die Freundin »Seltsam, ich habe Euch drei im Traum alle in blauen Jacken beim Trekking gesehen«.

Als ich ein paar Tage später wieder wohlauf war, ohne mein so wichtiges deutsches Medikament, trafen wir erneut auf die andere Reisekollegin (sie war übrigens aus Kanada), der es so schlecht gegangen war. Auch bei ihr hatte sich wieder alles normalisiert. An einem zauberhaften Abend mit Bambusflötenmusik, die ihr Sherpa spielte, kamen wir dann ins Reden, und ich machte zaghafte Andeutungen, dass ihr Reiki vielleicht auch gut getan hätte. Darauf erwiderte sie, dass sie selbst den 2. Grad habe und sich natürlich regelmässig selbst behandelte, während der Erkältung sogar besonders lange. Darauf musste ich dann lachen und in der Tat konnten sich auch die übrigen Gäste nicht dem Lachen enthalten als wir feststellten, dass nur und gerade die Reikianer sich auf dieser Reise so mit Erkältungen geplagt hatten. Die Frau hatte Reiki übrigens von Fran Brown gelernt, eine bekannte Schülerin von Frau Takata. Fran hat mit »Living Reiki« ein tolles Buch über Frau Takata geschrieben.

Ja - Reiki war sehr präsent auf dieser Reise, wenn auch anders als erwartet. Denn ursprünglich wollte ich auf Reikispuren nach Mustang gehen, nachdem ein Freund mir berichtete, er hätte an den alten buddhistischen Klöstern massenweise Reikisymbole aufgezeichnet gefunden. Da hin und wieder vermutet wird, Reiki habe seine Wurzeln im tibetischen und tantrischen Buddhismus, nahm ich mir diese Foto Studienreise vor, ein schöner Ausblick neben dem Durchwandern einer zauberhaften, wirklich magischen Landschaft, neben stillen und tiefen Begegnungen mit so liebevollen Menschen.

Ich fand übrigens kein einziges Reikisymbol, ich fragte auch bei Lamas in den Klöstern nach Reiki oder ähnlichen Techniken, fragte den tibetischen Arzt, sogar den König von Mustang, der uns eine Audienz gewährte. Es war übrigens sein letzter Tag als König. Tags darauf wurde er vom nepalesischen Parlament, welches jetzt maoistisch beeinflusst ist, als König formell abgesetzt. Wenn sich das Omen meines Besuches herumspricht, werden mich andere Könige wohl in Zukunft meiden? Smiley Thinking

Die Reise hatte immerhin gezeigt, dass es alternative Heilmethoden in Mustang gibt. Diese stammen allerdings aus dem Animismus und Schamanismus, sind also vorbuddhistisch und eben manipulativ.

Aus heutiger Sicht scheint mir der Verweis auf tibetische Wurzeln in Bezug zu Reiki fragwürdig. Mag sein, dass es ähnliche Praktiken gab oder im geheimen noch immer gibt. Mein Japanbesuch vom Frühjahr hat mir aber gezeigt, dass nicht etwa jahrtausende alte Symbole Mikao Usui zu Reiki führten, sondern das Mikao Usui das Reiki fand und selbst die Symbole dazu entwickelte, damit andere es ihm gleichtun könnten. Die Reikisymbole haben ihre Wurzeln in Japan.

Nach 16 Tagen und Nächten im Zelt ging unser Trekking Abenteuer gut zu Ende. Wir waren froh, das Risiko eingegangen zu sein. Wir fanden so Gelegenheit zu erfahren, dass es immer eine Lösung gibt und das tatsächlich eine Energie da ist, die uns trägt, die im richtigen Moment unerwartete Wendungen beschert. Das hätten wir nie erfahren können, wenn wir zuvor nicht die Sachen losgelassen hätten, die uns eigentlich tragen sollten.

Ich empfinde tiefe Ehrfurcht vor dieser Situation. Das scheinbar Notwendige loszulassen ist wie eine Vorbedingung um das zu finden, was das wahre Selbst immer trägt. Deswegen reicht es für grosse Rituale nicht, das scheinbar Überflüssige loszulassen.

Am 18. Tag, während wir noch auf dem Trekking waren, fand unser Veranstalter übrigens unser Gepäck auf dem Flughafen von Kathmandu. Er bestand darauf, das ganze Lager für verlorenes Gepäck zu durchsuchen. Er ging hinein und stand vor einem Riesenhaufen verlorener Koffer und Taschen. In einigem Abstand vor diesem Haufen stand eine einzelne Tasche, sauber, verschlossen, mit einem Globotrek Label. Der Mann erinnerte sich, wie ich ihm von meiner Kailashreise mit der Firma Globotrek erzählt hatte, und näherte sich dem Gepäckstück. Es war meine Tasche, und sie war völlig unversehrt. Da wusste er, dass er auch die 2 Rucksäcke der anderen Teilnehmer finden würde. Es dauerte einen halben Tag, aber er schaffte es und fand einen weiteren Rucksack. Dieser war allerdings beschädigt und es fehlten hochwertige Kleidungsstücke im Wert von 600 CHF. Der Mann gab nicht auf und fand nach einem weiteren Tag suchen auch das letzte Gepäckstück. Dieses war besonders schwer zu finden, da sämtliche Anhänger und Flugetiketten nicht mehr vorhanden waren. Spontan dachte ich, was für ein Glück ich mit meiner Tasche hatte, bis ich mich erinnerte, dass ich die Tasche auch mit den Reikisymbolen geschützt hatte (Reiki 2 Technik). Ich hatte zwar keine Reisegepäckversicherung, aber dieser Schutz war sogar besser, und so tauchte als Happy End schliesslich das Gepäck wieder auf. Am Thema »Materieller Verlust« musste ich offenbar nicht schaffen.

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Das Wespennest

Juni 2008

Wespennest
Feldwespen im Mai

Letzten Sommer hatte ich etwas spezielle Gäste auf meinem Balkon. Zwischen der Bodenplatte und dem Geländer hatte eine Wespenkönigin ihr kleines Reich gegründet, und als ich das etwa tischtennisballgrosse Nest entdeckte, war mir gar nicht wohl. Ja ja - das 2. Prinzip - sorge Dich nicht, und ich unterrichte das ja auch. Aber Wespen auf dem Balkon - wie soll ich mich da nicht sorgen? Ich hatte zwar nie Ärger mit Wespen, ausser einmal einem Stich in die Lippe. Ich gab sofort Reiki drauf. Die Schwellung war nach 15 Minuten weg und es tat gar nicht weh. Aber da lief dieses Programm ab - Wespen sind Störenfriede, sie können auch übler stechen, und wie soll ich mal in Ruhe auf MEINEM Balkon etwas essen oder trinken, wenn sie da sind? Also schlug ich das Nest kurzerhand mit einer LANGEN Schaufel ab.

Das Nest fiel in die Regenrinne. Da stand ich und spürte die Wut in meinem Bauch. Es braucht Wut, um jemand etwas kaputt machen zu können. Es fühlte sich nicht gut an. In diesem Fall fühlte es sich sogar besonders schlecht an, sah ich doch die Königin, wie sie sich an ihrem Nest festhielt und mit dem Nest zusammen in die Tiefe stürzte. So viel Willen und Bestimmtheit hatte ich nicht erwartet. Das kannte ich bislang nur von einzelnen Menschen, mit einer gewissen Entschlossenheit an etwas festzuhalten (wie ein Reikianer, der sich täglich behandelt, egal was herauskommt).

Ein paar Tage später staunte ich nicht schlecht. Die Königin blieb und baute weiter. Ich war tief bewegt. Der gute alte Platz war weg, das Nest lag auf dem Boden. Aber sie machte einfach weiter, halt das beste, was sich in dieser Lage machen liess. Vielleicht hatte sie keine Zeit mehr, woanders von vorn anzufangen? Wie schwierig muss die Situation dieser Wespen sein, wurde IHNEN doch so viel Lebensraum genommen? Das beharrliche Weiterbauen hatte mich erneut tief beeindruckt, und ich schloss Frieden. Ja - ich habe der Königin und ihrer ersten Helferin sogar eine Reiki Einweihung gegeben.

Fortan durfte ich teilhaben am Leben dieses winzigen Königreiches. Immer war ich voller Spannung, was ich wohl neues sehen würde, wenn ich wieder in die Spalte am Geländer schauen würde. Da waren diese kleinen Lebewesen, deren ganzes Leben nur eine Saison wären würde. Sie taten sich zusammen, erlebten den Frühling wie wir, es war eine Freude, die Säfte zu spüren, das Leben einzuatmen, dem Fluss des Lebens zu lauschen. Ich sah die Kokons, wie die Waben auf einmal gefüllt waren, wie die ersten Arbeiterinnen schlüpften und das Nest danach umfangreicher wurde. Im Sommer erreichte der Staat seinen Höhepunkt. Ich sah 10 und mehr Tiere, darunter sicher neue Königinnen und die unbefruchteten männlichen Drohnen. Für die neuen Königinnen begannen nun die 12 Monate ihres Lebens. Sie trafen sich an ausgewählten Orten zur Paarung und suchten sich dann einen geschützten Platz zum Überwintern.

Wespennest
Feldwespen und ihr Nest im Juli

Das Rad des Lebens nahm seinen Lauf. Die 5 Elemente bewegten sich im Kreis, für Wespen eben leider nur einmal. Frühling-Sommer-Spätsommer-Herbst-Winter oder Sehen-Fühlen-Schmecken-Riechen-Hören oder Wut-Freude-Sorge-Trauer-Angst. Ich war regelrecht gefangen, die einzelnen Phasen bei meinen Bewohnern zu beobachten, und es erinnerte mich an meine eigenen Konzepte von Zeit, Angst, Trennung und Sterblichkeit. Wie es wohl die Wespen empfanden? Wie sie wohl damit umgingen? Wie mochte das sein, wenn ich den Kreislauf der Jahreszeiten nur einmal erleben könnte?

Der Spätsommer war der Höhepunkt. Es herrschte Stille! Ruhe und Frieden und Klarheit. Indian Summer! In diesem Moment fand ich am besten zu mir, hörte ich mir am besten zu, fand meine Synthese statt. Für diesen Moment lebte vielleicht auch die Wespe und konnte dann hoffentlich sagen - es ist vollbracht, und es ist gut, so wie es ist. Speicherte sie jetzt ihre Erfahrungen in den Datenbanken des Universums ab? Da wäre unser Staat fast zugrunde gegangen, an jenem Ort hatten wir es gut, und dort trafen wir auf ein anderes Volk? Noch waren die Tage warm, aber die kühlen Nächte deuteten schon an, das das Leben auf dem Rückzug war. Die Wespen hatten zunächst wohl die Stille genossen, sie waren fast unbeweglich, und wie es dann kälter und kälter wurde blieben sie unbeweglich. War es jetzt aus Trauer? War es vor Kälte? Es blieb nichts mehr zu tun. Es gab nur noch die Rückschau. Welch Privileg ich doch hatte, an all dem teilhaben zu dürfen.

Eines Tages im November war das Nest verlassen. Die alte Königin beendete ihr einjähriges Leben und mit ihr ging der Wespenstaat zugrunde. Ich verabschiedete mich innerlich von meinen Freunden. Ein paar Tage später entfernte ich das Nest (die Nester werden nie zweimal benutzt). Es war wie dünnes Papier und ganz leicht.

Vor mir liegt eine Broschüre der Pro Natura. Jetzt erst lese ich, wie nützlich die Wespen bei der Schädlingsbekämpfung sind. Nur die beiden häufigen unterirdisch nistenden Arten (gemeine Wespe und deutsche Wespe) machen sich manchmal über den Pflaumenkuchen her. Andere und für den Menschen harmlose Arten haben in der Tat akuten Wohnungsmangel. Es sind die seltenen Wespenarten, die ihre Nester auf dem Dachboden oder an anderen zugänglichen Stellen errichten, und sie benötigten eigentlich unseren Schutz, denn durch den Menschen sind deren natürliche Nistplätze wie Baumhöhlen rar geworden. Wenn der Mensch sie nicht belästigt, lassen sie den Menschen auch in Ruhe. Es gibt genügend Beispiele, wo selbst Hornissen in unmittelbarer menschlicher Nähe, zum Beispiel bei Schuleingängen, ohne den geringsten Zwischenfall genistet haben.

Ich schaue wieder auf meinen Balkon. Am Geländer ist ein neues Nest. Es herrscht schon etwas Betrieb. Ich freue mich auf einen schönen Sommer. Und den wünsche ich Dir auch.

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Übergangsriten

Dezember 2007

Mythologisch entspricht die »Grosse Mutter« dem grossen Kreislauf. Es ist das Tod - Wiedergeburt - Motiv, die ewige Rückkehr. Der »Himmels Vater« ist die Suche, die Reise von der Unberührtheit zur Erfahrung, von der Dunkelheit zum Licht, von der Heimat zum Horizont. Beide Zyklen müssen beachtet werden.

Anfang Dezember war ich für ein Seminar in einem kleinen Dorf im Oberallgäu. Beim Frühstück erzählte mir der Wirt der Pension von einem grossen Ereignis, das diesen Tag stattfinden würde. Ein junger Mann, Zimmermannsgeselle, kam von seiner Walz (die traditionelle Wanderschaft der Handwerksgesellen) nach Hause zurück. Das es so was noch gibt? - dachte ich und freute mich riesig zugleich.

Es stand sogar im Wochenblatt. Erinnerungen wurden wach, wie der junge 20-jährige Held, Andreas, vor 3½ Jahren seine Reise begann. Er hatte einige Auseinandersetzungen mit seinem Vater und wollte schliesslich nur noch weg. Seine Mutter hatte viel geweint, musste sie doch ihren Sohn loslassen.

Wenn Du auf diese Wanderschaft gehst, wird sie mindestens 3 Jahre und 1 Tag dauern. Du musst mindestens 50 km von zu Hause weg sein, meist geht es durch ganz Europa. Du lebst von wenig Geld und natürlich ohne Handy und nur von der Gastfreundschaft der Handwerker und ihrem Ehrenkodex. Du bist weg von der mütterlichen Wärme und natürlich wissen Deine Eltern nicht, wo Du Dich gerade aufhältst. Du wirst viel lernen, aber auch schlechte Erfahrungen machen. Winter können verdammt kalt sein. Wo findest Du Obdach, wenn es gießt wie aus Eimern? Kein Geld mehr in der Reisekasse, wo kommt das Essen her? Aber Du lernst auch, auf Dein Glück zu vertrauen. Nicht an allem zu verzweifeln. Das Leben so zu nehmen wie es kommt. Aus allem das Beste zu machen.

Andy hatte das ganze Dorf hinter sich, wie er loszog. Vom »Gasthof zum Kapitel« in der Mitte des Dorfes wurde er mit einer Blasmusikkapelle bis zum Ortsausgangsschild begleitet. Dann musste er allein weiter, immer zu Fuss!

Heute nun kam er heim, ein erwachsener Mann, und wieder war die Kapelle und das Dorf da, wartete am Ortseingang, bis Andreas auftauchte, begleitet von anderen Gesellen auf Wanderschaft, und wieder setzte die Musik ein, das Dorf hiess ihn wieder Willkommen, gemeinsam ging es mit der Musik zum Bauernhof, wo die Mutter schon ein grosses Fest vorbereitet hatte.

Ist das nicht wunderbar? Meine Augen füllen sich mit Tränen vor Respekt gegenüber diesem Menschen. Andreas hatte den Mut, das Unbekannte zu erforschen und seine eigenen Stärken zu finden. Rituale sind in unserer Zeit so selten geworden, dabei sind sie so wichtig, unersetzlich, wenn z.B. ein Junge zum Mann oder auch ein Mädchen zur Frau werden will. Gerade für einen Jungen ist es nicht einfach, eine gesunde Trennung vom Band mit der Mutter zu erreichen. Deswegen verhalten sich viele Männer noch heute wie Kinder, und ihre Partner üben häufig Mutterrollen aus. Aber der Junge muss diesen Schritt tun, wenn er Zugang zur männlichen Energie finden will, die Erfahrung machen möchte, dass er von dieser Energie getragen wird, in Berührung mit seiner eigenen Seele kommen will.

Naturvölker wissen, wie schwer diese Transformation ist, deshalb erleben die Jungen die Rituale oft als mächtige emotionale Erfahrungen, teilweise unter Schmerz (der eigene Körper wird vom Charakter als weiblich angesehen). Und sie bekommen Initiationen in das Erwachsenensein, ähnlich wie meine geschätzten Seminarteilnehmer Initiationen in das Reikisein bekommen. Initiationen sind das grösste Geschenk, das man in seinem Leben - für sein erfülltes Leben - bekommen kann. Ach - es gibt so viele verletzte und nicht initiierte Männer in unserer Zeit!

Die Riten werden unter Regie der Stammesältesten noch immer in 6 Schritten durchgeführt. Von Volk zu Volk verschieden in der Ausführung sind die Themen doch immer gleich.

  1. Physische und damit psychologische Trennung von den Eltern, oft über Nacht
  2. Symbolischer Tod der kindlichen Abhängigkeit (allein in Dunkelheit etc), es gibt keinen Weg zurück
  3. Zeremonie der Wiedergeburt (rituelles Bad, neuer Name)
  4. Unterricht in Privilegien, Verantwortlichkeiten, Techniken und Einführung in die Mysterien (spirituelle Erdung)
  5. Isolation, Rückzug zu einem heiligen Ort, die innere Stärke finden, Martyrium, Leidensphase, rituelle Opferung des Komforts des Fleisches und der kindlichen Abhängigkeit, eigene Weisheit und Mut finden
  6. Rückkehr als initiierter Erwachsener

Ähnliche Riten gibt es für Mädchen, die zur Frau werden. Welche Frau könnte davon berichten? Die Passage ist in der Regel nicht so streng, da nach dem Lösen von der Mutter das weibliche Bewusstsein und die Aufgaben einer Frau nicht durch etwas anderes ersetzt werden müssen.

Irgendwie hat Andreas das alles selbst in die Hand genommen, nehmen müssen, weil es in unserer westlichen Welt wenig Führung und Vorbild für die Jungen gibt. Er hat ganz sicher alle 6 Schritte erlebt, und er hat es nicht nur für sich getan, auch für seinen Vater, und stellvertretend für viele andere Männer. Er ist ein wunderbares Beispiel und Erinnerung, dass Du und ich und jeder Mensch immer das Potential hat, seine 6 Schritte auf irgendeine Weise zu gehen.

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Der freie Fall

Dezember 2007

Hinaus aus dem Flugzeug, hinein in den freien Fall. Der Wind tost unglaublich laut, wenn Du mit einer Geschwindigkeit von ca. 200 km/h der Erde entgegenrast. Du glaubst, Dein Herz mindestens genauso laut schlagen zu hören wie den Gegenwind, der in den Ohren rauscht. So ist es, wenn Du in einer Höhe von ungefähr 3500 Metern aus dem Flugzeug springst. Der Traum vom freien Fall in der physischen Realität hat eine lange Geschichte. Bereits Leonardo da Vinci hat im 15. Jahrhundert eine Skizze eines pyramidenförmigen Schirmes angefertigt. Dieser hätte nach heutigen Erkenntnissen übrigens bis zu einer Sprunghöhe von 3000 Metern sogar funktioniert.

Der freie Fall dauert ca. 50 Sekunden bis eine Minute. Sobald Du - üblicherweise in einer Höhe von 1000 Metern - die Reißleine gezogen hast und der Fallschirm sich vollständig ausgebreitet hat, wird Dein freier Fall von 200km/h auf ungefähr 20km/h abgebremst. Das Tosen des Windes verschwindet, es ist Stille hoch oben, im blauen Himmel. Du hast nun Zeit, das herrliche Panorama zu betrachten. Alles unten am Boden ist winzig klein. Die Erde sieht aus wie eine Spielzeugwelt. Die Zeit zum Entspannen ist gekommen, alle beschwerenden Gedanken verlieren sich im Angesicht mit der grenzenlosen Freiheit.

Warum ich davon schreibe? Ich habe von einem Mann gehört, der ein ganz schwaches Sehvermögen hatte. Als er sich aber einmal im freien Fall befand, sah er sich, die Mitspringer und die Erde auf einmal ganz klar - gestochen scharf.

Ich finde das wunderbar. Im freien Fall praktizierst Du die totale Hingabe. Alles bekommt eine neue Sichtweise, und auf einmal siehst Du ganz klar. Ist es nicht grossartig, auf diese Weise gezeigt zu bekommen, dass es einen Weg gibt, die Welt besser wahrzunehmen?

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