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Anpassung heißt Überleben

Juni 2011

Im Biologieunterricht in der Schule war immer mal wieder Charles Darwin ein Thema. Evolution wurde dadurch erklärt, daß jeweils der Stärkste überlebt hätte und die Schwächsten die Bühne des Lebens verlassen mussten. Stark zu sein hat mindestens seit Darwins Zeiten einen wichtigen Platz in der menschlichen Psyche eingenommen. Länder wollen stark sein, Menschen wollen sich herausstellen und brauchen das Gefühl, gegen alle und alles siegen zu müssen, wenn sie denn überleben wollten. Als ob wir in einer Mangelgesellschaft leben würden und um unser überleben kämpfen müssten.

Manche Tiere zeigen uns, daß überleben nicht immer durch den großen Kampf gesichert ist. Flucht ist manchmal weiser, und stillhalten manchmal besser, wenn zum Beispiel ein Adler nach Mäusebeute späht. In der Menschheitsgeschichte sind die großen Kämpfer und Helden meist nie besonders alt geworden. Helden sterben jung, und die Psychologie des Helden ist es sicher wert, tiefgehender hinterfragt zu werden. Es gab auch für Helden immer einen Stärkeren. Manchmal haben sich dazu ein paar Schwächere zusammengetan und den Stärkeren frontal oder hinterrücks aus dem Spiel des Lebens genommen. Selbst der Stärkste kommt mit all seiner Stärke nicht gegen die kleinsten und schwächsten Lebewesen an, wie Viren oder Bakterien, wenn er es nicht gelernt hat, diese zu bemerken und richtig damit umzugehen. Der große Kampf gegen nur vermeintliche Feinde, wie es bei einer Allergie der Fall ist, hat gleichfalls keine Zukunft. Ob wohl Angst dahinter steht? Geht es vielleicht unterbewußt darum, sich und seine Kräfte in diesem sinnlosen Kampf zu schwächen?

Ich glaube, Darwin hatte Unrecht, wenn er in diesem Sinne vom überleben des Stärksten gesprochen hat. Meiner Meinung nach hat derjenige Organismus die besten Chancen, der sich am besten den Bedingungen seiner Umgebung anpassen kann. Der Organismus selbst versteht sich und handelt als Einheit, d.h. er grenzt sich auf eine gesunde Art von äußeren Einflüssen ab (ist nicht für alles offen), er handelt synchron, als Einheit. Die einzelnen Bestandteile kämpfen nicht gegeneinander, leben aber auch nicht auf Kosten der anderen. Jeder Bestandteil (beim Menschen wären das 50-100 Trillionen Zellen) erfüllt seine Aufgaben ohne ein Gefühl von Exklusivität. Wenn sich dann äussere Bedingungen verändern oder verschlechtern, ist dieser Organismus am besten in der Lage, sich darauf einzustellen, statt zu jammern, wie doch früher alles besser war, ein Bestandsrecht aus der Vergangenheit einzufordern und nicht loslassen zu können. Solch ein Organismus sollte auch mit einer größeren Umweltverschmutzung, Strahlenbelastung, minderwertigerem Essen sowie einem schlechteren emotionalen Umfeld besser zurechtkommen. Nicht, daß das ideal wäre, und wenn er die Wahl hätte, sollte er sich hoffentlich das beste Umfeld suchen, daß es für ihn gibt. Ansonsten wäre es das Klügste, mit dem schlechteren Umfeld leben zu können, in Vertrauen, ohne Schuldzuweisungen, ohne Wut, ohne Sorge.

Nicht der Stärkste überlebt am Ehesten, es ist der Anpassungsfähigste. Ein Exklusivitätsanspruch ist gefährlich. Ein Exklusivitätsanspruch ist tödlich.

Jedoch auch Anpassung muß hinterfragt werden, denn es besteht die Gefahr, daß sie zu weit geht. Was ist, wenn ich »ja« zur Umwelt sage und dabei »nein« zu mir selbst? Wann würde ich meine Identität preisgeben? Wie so oft im Leben befinde ich mich auf einer Gratwanderung. Es ist ein schmaler Grat zwischen Auflehnung und Anpassung. Er spiegelt nur allzu deutlich den Konflikt, die Zweifel, die sich alle um die eine Frage drehen: Wer bin ich?

Die Zeit hat in einem Artikel einige Bakterien vorgestellt, die an Anpassung schier unglaubliches geleistet haben, um zu überleben.

GFAJ-1: Jegliches Leben benötigt immer 6 chemische Zutaten: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und Phosphor. Aus diesen Elementen bestehen Kohlenhydrate, Nukleinsäuren, Fette und Eiweiße. Dem Bakterium GFAJ-1 ist es gelungen, Arsen anstelle von Phosphor in seine Eiweiße, Fette und in seine DNA einzubauen.

Nitratireducens: Die Bakterie mag Seifenspender und vermehrt sich sogar noch bei einem pH-Wert größer als 10.

Alcaligenes xylosoxidans: Das stäbchenförmige Bakterium kann den Bakterien hemmenden Stoff Triclosan einfach verdauen.

Deinococcus radiodurans: Strahlung ist kein Problem. Es überlebt 4000 Gray ionisierende Strahlung. (100 Gray töten einen Menschen sofort). Seine Erbsubstanz zerfällt zwar unter dem Beschuß, doch es besitzt effiziente Reparaturenzyme. Es überlebt auch andere Bedrohungen unbeschadet: extreme Austrocknung, Säure und sogar das Vakuum. Das Erbgut wurde 1999 entziffert, doch bis heute können die Forscher die ungewöhnliche Widerstandskraft der Mikrobe nicht vollständig erklären.

Vielleicht ist es Zeit geworden, meine Vorbilder mehr im Kleinen zu suchen und ihnen nachzueifern. Vielleicht ist die Antwort auf die große Frage auch nur eine Kleinigkeit.

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