Ausgewählte Artikel sind Auszüge aus dem Reiki Newsletter, den Absolventen meiner Reiki Kurse mehrmals im Jahr kostenlos erhalten können.
Der schmale Grat zwischen Zufall und Schicksal
Juni 2009
Es gibt einen schmalen Grat zwischen Zufall und Schicksal. Das ist die ganze Freiheit, die ich habe.
Ich glaube, dass dieses Bild essentiell die Bedeutung meines Lebens beschreibt. Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie frei bin ich? Was ist Freiheit? Hat alles eine Bedeutung? Bin ich von Ursachen abhängig? Kann ich meine Zukunft selbst bestimmen? Gibt es überhaupt Ursachen, oder passieren die Dinge doch irgendwie zufällig?
Mae-Wan Ho schrieb in The Biology of Free Will, es müsse das Gesetz von Ursache und Wirkung geben, denn in einer akausalen Welt wäre ist es unmöglich, frei zu sein. Was wäre das für eine Freiheit, wenn irgendetwas einfach so und irgendwie passieren würde? Dann wäre ich überhaupt nicht frei.
In Ursachen - seien sie bekannt oder nicht - kann ich eine Erklärung dafür finden, warum es mir so geht, wie es mir geht. Manche Glaubenssysteme gehen soweit, dass ich in meinem (heutigen) Leben nur noch das ausbaden kann, was andere und ich einmal angerichtet haben. Die Zahlen meines Geburtsdatums, die Stellung der Planeten, sind dies Ursachen, deren Wirkung ich heute ausleben muss? Wenn aber eine Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft - wie frei kann ich dann sein, hänge ich doch von meinen vergangenen Handlungen ab und von den Handlungen, die andere vollziehen? Am Rande des Grats zu Karma oder Schuld hört zumindest die Bedeutungslosigkeit des Lebens auf.
Es scheint, weder im Schicksal noch im Zufall lässt sich Freiheit finden. Gibt es sie überhaupt? Wie äußert sie sich dann? Ist Freiheit überhaupt wichtig? Bin ich nicht ein Teil vom Ganzen? Kann ich mir und dem Ganzen erlauben, selbst frei zu sein? Welche Bedeutung hat mein Teil im Ganzen? Wie wichtig bin ich?
Ich beobachte Menschen, die scheinen alles im Griff zu haben. Sie scheinen Kontrolle zu haben. Sie scheinen frei zu sein, da ihr Wille geschieht. Sie brauchen viel Kraft. Sie manipulieren. Sie sind süchtig nach der Bestätigung, wichtig und frei zu sein. Sie sind davon abhängig. Dann kommt jemand, und plötzlich geschieht NICHT ihr Wille. Sie sind also nicht frei.
Ist die Bibelaffirmation »Dein Wille geschehe« ein Zeichen von Freiheit? Ist Freiheit gleich Frieden?
Bin ich frei, wenn ich geboren werde? Bin ich frei, wenn ich sterbe? In Freiheit kulminieren sich die großen 4 Bewusstseinsthemen, die die ganze Sinnlichkeit, Freude und Tragik im Leben beschreiben: Trennung, Zeit, Schuld und folglich die Individuation (Selbstwahrnehmung).
Trennung
Ich habe das Gefühl von Getrenntsein in tiefster Trauer wahrgenommen, als ich am heiligsten Berg Tibets meine Reikibehandlung unter argem Luftmangel machte. Es war ein überraschend starkes Erlebnis. Gott sei Dank hatte ich Reiki dabei.
Trennung zeigt sich in kontrollstarken Menschen und ihrer Idee, wichtig zu sein. Diese Menschen merken nicht einmal, wie sie die Dinge, die sie anderen überstülpen, sich selbst überstülpen. Trennung und Schuld können zu brutalstem Verhalten den Mitmenschen und der ganzen Erde gegenüber führen.
»Nach mir die Sintflut« sagt einiges über das Bewusstsein getrennter Menschen aus, wenn man den Wert eines Lebens daran bemisst, wie es hilft, dass das Leben auf dieser Erde weitergehen kann, welchen Dienst der Einzelne der Gemeinschaft leistet.
Helmut Schmidt wurde in einem Interview einmal gefragt, wie es sich im 2. Weltkrieg angefühlt habe, Menschen zu erschießen. Er antwortete, es sei in keinster Weise ein Unterschied zu dem Gefühl, erschossen zu werden. Die Weisheit dieses so sachlichen Mannes, seine bodenständige Spiritualität, hat mich tief berührt.
Schuld
Es gibt auch einen schmalen Grat zwischen Vergebung und Schuld. Das Zufallskonzept hat mir viel Frieden gegeben, was »Schuld« betrifft. Mit den Reikibehandlungen wurde mir sehr schnell klar, dass ein anderer Mensch keine Schuld daran trägt, wie es mir geht. Das ist ja auch logisch, wenn ich beginne, selbst Verantwortung zu übernehmen. Aber so tief wie mich oben das Konzept der Trennung traf, übermannte mich die Schuld, denn irgendjemand musste ja Schuld daran haben, wie es mir heute geht. Schuld und Verurteilung mir selbst gegenüber war die Konsequenz. Es erschüttert mich wahrzunehmen, wie sehr ich verstrickt bin in Konzepten, für die ich rational immer eine passende Antwort weiß. Selbst Schuld zu haben steckt tief in meiner Kultur, tief in meiner Erziehung! Das lähmt! Wenn ich Bestätigung dafür suche, dass dem so ist, wenn ich das nicht loslassen will aus Angst, diese meine Identität zu verlieren. Denn wo kriege ich so schnell eine andere Identität her?
Individuation
Lösungen (und Mut) um diese Konzepte sprechen die Individuation an, damit ich mich von meinen Vorurteilen befreie und auf eine gesündere Art wahrnehmen kann. Und hier ist mir der Zufall so sympathisch und hilfreich. Indem ich sage, dass einige Dinge in meinem Leben einfach »neben mir passiert« sind, nehme ich der Schuld ihre Ladung, verneine ich die Schuld sogar. Die Vorstellung ist, dass ich einfach irgendwo anwesend bin, sagen wir einmal zufällig, und was passiert, passiert einfach sowieso, nur bin ich jetzt eben da und erspüre, erfahre, was da gerade passiert. Es hat nichts mit mir zu tun, eher mit dem Drama, welches auch ohne mich stattgefunden hätte. Ich glaube, diese Ansicht ist die einzig mögliche, um die Wichtigkeit des eigenen Ego zu neutralisieren, in der eigenen Unwichtigkeit Schuld aufzulösen und den ganzen Ballast dieses Konzeptes abzuschütteln. Viele Menschen versuchen es mit Vergebung, aber wie soll das funktionieren? Ist es nicht wie im Schmidt-Zitat oben? Wie könnte es ohne die Anerkennung von Schuld überhaupt Vergebung geben? Vergebung und Schuld sind Synonyme. Und am Rande des Grats zum Zufall hört die Schuld auf.
Zeit
Zeit ist eng verbunden mit Sterblichkeit und diese wiederum mit Trennung. Die Vergangenheit als fix anzusehen und die Zukunft als unbekannt hilft mir, mich in der Zeit sicher zu fühlen Michio Kaku. Was aber ist Zeit? Zeit besteht aus Zeit, die vergangen ist, Zeit, die zukünftig ist und Zeit, die gegenwärtig ist. Das Zukünftige existiert jedoch noch nicht, das Vergangene existiert nicht mehr, und das Gegenwärtige nimmt überhaupt keine Zeit in Anspruch. Wie also - fragte schon Dr. S. Augustine in seinen Konfessionen im 4. Jahrhundert - kann Zeit überhaupt existieren? Es gibt auch nur einen schmalen Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft, und vielleicht ist das nur ein anderer Ausdruck für den schmalen Grat zwischen Zufall und Schicksal.
Das ganze Leben hindurch wandere ich auf diesem schmalen Grat. Dieser schmale Grat beschreibt den ganzen Sinn, den mein Leben hat, die kleine Bedeutung an den Abgründen der Bedeutungslosigkeit, die kleine Freiheit an den Grenzen der Verantwortung, das kleine Glück, Leben zu erfahren am Rande der Erfahrungslosigkeit, die kleine lokale Autonomie, die sich dann einstellt, wenn meine Teilnahme am Universum, mein Folgen der pulsierenden Einheit in Synchronizität, im Fühlen und Antworten mich agieren lässt wie eine Welle im Ozean, vollständig integriert, wie Jung es einst beschrieb, wenn jede Zelle im Körper, jeder Gedanke im Geist, innen und außen, komplett im Einklang ist mit der ganzen Natur.
Treffen mit meinem inneren Kind
April 2009
Im März habe ich an einem speziellen Seminar teilgenommen. Es heißt Breakthrough oder auf Deutsch »Durchbruch«. Es wurde von Esther Veltheim entwickelt, Mitgründerin des Reiki Network. Mit Durchbruch sind eigene Masken und Sabotageprogramme gemeint, die der Seminarteilnehmer gewillt ist (den Mut hat) zu durchdringen, um ein freieres Leben, ein authentischeres Leben führen zu können, mit weniger Konditionierungen, mit weniger Überreaktionen. Unbewusst gehen wir mit der Reiki Selbstbehandlung die Sabotageprogramme sowieso an, aber aktive Schritte sind manchmal hilfreich.
In 7 Schritten (oder 7 Fragen) wird der Teilnehmer durch eine Lebenssituation geführt, in der so eine Überreaktion stattgefunden hat. Für mich war das letztlich ein sehr befreiendes Erlebnis, welches durch tiefe Einsichten in unterdrückte Emotionen und ein mangelhaftes Selbstbild führte.
Es braucht tatsächlich viel Mitgefühl seitens des Seminarleiters, um bei den Antworten auf die 7 Fragen nach innen horchen zu können, nachzuhaken, Zweifel anzumelden, die Maske wirklich anzuheben zu können. Es ist wie mit einem wahren Freund, der einem auch Kontra gibt, statt immer nur das eingefahrene Bild zu bestätigen.
Linda hatte dieses Mitgefühl, und es war sehr berührend, wie ich ihre Tränen herunter laufen sah, als sie mich durch meine 7 Schritte führte. Ich saß als »Beispiel« vor 40 anderen Seminarteilnehmern, und ging dabei selbst durch allerlei Abwehrstrategien, bis ich auf einmal dieses »A-Ha« hatte.
Meine Geschichte war die eines gefühlten Verrats oder Missbrauchs durch einen Menschen, den ich bewunderte, aber wie so oft spiegelt das Erlebte immer nur das wider, was innen drin vor sich geht. Nur hatte ich das so schön zugedeckt, immer wieder meisterlich in all den Jahren meines Lebens, dass ich trotz aller Theorie nicht darauf gekommen wäre.
Es fühlte sich ungemein schwer an zu hinterfragen, was ich von mir selbst denken musste. Bis ich plötzlich Wut auf mich selbst entdecken konnte und realisierte, dass ich mich selbst für einen wilden und gefährlichen Menschen hielt, dass ich es deshalb nur verdiente, betrogen zu werden.
Dann gab es einen Moment, da stellte ich mir vor, dem kleinen 4 Jahre alten Axel zu begegnen, so süß, offen, vergebend - und überwältigend zu sehen, wie er seine kleine Hand zum älteren Axel ausstreckt, als ob all die inneren Glaubenssysteme nie verletzt hätten. Mit so einem Lächeln zu sagen »Willkommen zurück, ich habe auf Dich gewartet«. Mit Dankbarkeit, Stolz und Freude greife ich seine kleine Hand, und wir beide gehen zusammen einen Weg entlang, den er auswählt.
Es schien, der kleine Axel könne viel schneller vergeben, und das noch ohne jegliche Bedingung, einfach ergreifend!
Ich fühlte Frieden.
Im Kopf wußte ich, dass es keine Vergebung geben kann, weil es niemanden gibt, dem man die Schuld geben könnte, noch nicht einmal mir selbst. Aber vom Beobachten dieser Geste der Vergebung erkannte ich plötzlich, dass dies auch für mein inneres Selbst zutrifft.
Über viele Jahre hatte ich Götter als Vorbilder, wie ich sein wollte. Es scheint, ich wollte recht weit von meinem inneren Selbstbild weg sein. Seit Reiki 2 und Mentaltraining hatte ich innere Reisen zu meinem »wahren Führer« gemacht, das heißt ich hatte mich mit der Essenz zunächst von Buddha und später von Jesus verbunden. Ich fand es immer bemerkenswert, dass auf diesem Etikett nur »wahrer Führer« stand und keine spezifische Person, ich ahnte wohl, es könnte die falsche sein.
Am Abend nach den 7 Schritten realisierte ich plötzlich, dass ich mich anstelle dieser Führer mit meinem inneren Kind verbinden wollte. Ich nahm den ganzen Papierstoß aus dem Seminar, mein Namensschild, und machte die Reiki 2 Technik. Als die Verbindung stand, ging ich weiter ins Mentaltraining, Alpha Zustand, und dann traf ich den kleinen Axel wieder.
Wir haben viel Zeit zusammen verbracht. Ich habe seine Bedürfnisse gespürt, geliebt und genährt zu werden, und plötzlich passte alles zusammen. Es war schön zu sehen, dass ich meine eigenen Bedürfnisse beachten sollte, egal was da draußen passiert.
Ich konnte es nicht mehr ignorieren. Und dann verstand ich plötzlich: mein eigenes inneres Kind zu treffen bedeutete, meinem wahren Führer begegnet zu sein.
Das nächste Mal im Mentaltraining traf ich den kleinen Axel wieder. Ich fand mich plötzlich mitten auf einer kleinen magischen Insel wieder. Wir saßen uns auf einem säulenartigen Stein mit gekreuzten Beinen gegenüber. Wie in einem Ritual beugte sich der kleine Axel nach vorn, und mit seinem rechten Zeigefinger berührte er mein drittes Auge. Es fühlte sich sanft an, ruhig, frisch, befreiend. Einen Moment dachte ich, ich sollte ihm von meinem Erwachsenenpunkt etwas Gleichartiges geben, aber ich merkte sofort, dass dies keinen Sinn machte. Wir lächelten beide. Plötzlich stand er auf und lief . . . in mich hinein! Es fühlte sich großartig an. Dann merkte ich - er würde nicht mehr herauskommen. Ich war schockiert.
Aber dann verstand ich. Ich hatte Verantwortung zu übernehmen. Ich bewunderte das Vertrauen und den Mut meines inneren Kindes. Ich fühlte mich EINS. Die Furcht verschwand. Der kleine Axel war in mir!
Die acht Geheimnisse der Männer
Februar 2009
Viele Männer tragen einen Berg von Wut und einen See von Tränen in sich. Das ist die traurige und wahre Botschaft, sei es wegen einer psychologisch invasiven Mutter oder wegen eines abwesenden oder aggressiven Vaters. In seinem Buch »Im Schatten des Saturn« hat der Jungsche Analytiker Dr. James Hollis diese Dynamik in eindrucksvoller Tiefe beschrieben.
Psychologisch gesehen sind die meisten Männer unserer Zeit bezüglich ihrer Männlichkeit essentiell verletzt und nicht eingeweiht geblieben. Für uns Männer ist es an der Zeit, bewußter auf die eigenen Verwundungen zu schauen. Für einen Mann ist es eine der größten Entwicklungsaufgaben, die Verbindung mit seiner leiblichen Mutter auf eine gesunde Art und Weise zu trennen. Nur dann kann er in Berührung mit seiner eigenen Seele kommen und sich auch vom Schatten des Saturn befreien. Das Buch enthält eine Reihe von Beispielen, wie die Übergangsriten in verschiedenen Stämmen und Naturvölkern noch heute beachtet werden. Es ist seltsam genug, daß die zivilisierte Welt ihren eigenen Söhnen für diesen wichtigen Übergang vom sorglosen Leben des Kindes zum verantwortungsvollen Erwachsenen so wenig Beachtung und Orientierung schenkt.
Ich empfehle dieses Buch, und enthülle als Vorgeschmack die dort beschriebenen 8 Geheimnisse, die alle Männer in sich tragen.
- Das Leben der Männer ist in demselben Maße von restriktiven Rollenerwartungen bestimmt wie das der Frauen
- Das Leben der Männer ist ganz wesentlich von Angst bestimmt
- Die Macht des Weiblichen nimmt im psychischen Haushalt des Mannes einen riesigen Platz ein
- Männer nehmen insgeheim an einer Verschwörung des Schweigens teil, die dazu dient, ihre emotionale Wahrheit zu unterdrücken
- Da Männer die Mutter verlassen und den Mutterkomplex überwinden müssen, sind Verwundungen unumgänglich
- Das Leben der Männer ist von Gewalt geprägt, da ihren Seelen Gewalt angetan wurde
- Jeder Mann trägt eine tiefe Sehnsucht nach seinem Vater und nach seinen Stammesvätern in sich
- Wenn Männer Heilung erfahren sollen, müssen sie das, was sie nicht von außen erhalten haben, in sich selbst aktivieren
Der alte Indianer und der Tod
Dezember 2008
Vor nicht allzu langer Zeit las ich ein Interview mit dem bekannten Opernsänger Rolando Villazón. Es gab viel zum schmunzeln wie der Tip, immer mit Papier zu rascheln, wenn man bei Behörden etwas erreichen wolle. Und dann kam plötzlich die Geschichte vom Tod seiner magischen, fast irrealen Grossmutter: »Eines Tages rief sie uns an und sagte, dass sie den Tod nahen fühle. Sie sagte, dass sie uns liebe und uns für alles danke, aber jetzt sei der Augenblick des Abschieds gekommen. Wir sind natürlich sofort ins Auto gestiegen und zu ihr gerast - und als wir ankamen, war die Tür verschlossen. Wir haben überall nach ihr gesucht, aber sie blieb verschwunden. Sie hatte beschlossen, wie die Elefanten zu sterben. Sie ist einfach verschwunden«.
Ich war verblüfft und sprachlos, und ohne jeden Moment des Abwägens kam mir sofort der Gedanke: Wow! Das ist die beste Art zu sterben! Was für eine mutige Frau, und welch starkes Vertrauen in die Bedeutung des Todes - nicht im Jammern zu gehen, eingeengt von Angehörigen, die nicht loslassen können, die eine Trauer und ein Leiden affirmieren, die dem Scheidenden die Luft zum erhabenen Übergang nehmen, das Gefühl nehmen, immer von der eigenen Energie getragen zu sein.
Und plötzlich war es da, dieses Bild vom alten Indianer, der einsam und allein auf der Spitze eines Berges sass und sich bereit machte zu sterben, denn er wusste, seine Zeit war gekommen. Wie viele Filme haben mir dieses starke Bild vorgehalten, und wie viel Kraft liegt eigentlich darin?
Wenn wir Rituale und Initiationen in unserem Leben erhalten - das Privileg ist schon etwas besonderes - dann sind das auch starke Momente, aber sie sind verbunden mit irgendwelcher Aktivität.
Dieses letzte Ritual dagegen ist eines ganz in Stille, ganz ohne jedes Zutun. Vielleicht ist es das stärkste von allen.
Kommt dann der Einblick in die tiefe Bedeutung, die das einzelne Leben ausgemacht hat? Kommt vielleicht Klarheit, die die ganzen Tragödien und Glücksmomente in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen? Kommt vielleicht eine Einsicht und tiefes Verständnis, ein Teil von allem zu sein? Kommt ein inneres Wissen über die wahre Natur?
Kann ich dann vielleicht die Frage beantworten »Wer bin ich?«
Es heisst, der bewusste Geist sei nur eine Illusion, er erzeuge deswegen so viel Drama, damit ihm weiter Aufmerksamkeit geschenkt würde. Schliesslich existiert nur das, was Aufmerksamkeit erhält! Schenke ich einer Illusion Aufmerksamkeit? Und warum? Die gleichen Philosophen messen dem bewussten Geist dennoch einen Wert bei: Man könne erkennen, wer oder was man nicht ist! Ein Anfang und eine ganz spannende Idee ist die Feststellung, dass ich nicht sein kann, was ich besitze. Was bedeutet es dann, wenn ich sage - mein Körper? Was bedeutet es, wenn ich sage - mein Geist, meine Gedanken?
Der symbolische Tod
Ein Freund von mir hat einmal ein sehr spezielles Unternehmen gewagt. Er liess sich für 24 Stunden eingraben, ein symbolischer Tod. Ist das nicht schrecklich mutig?
Ich bin überzeugt, dass solche Rituale die gleiche Einsicht hervorbringen können, wie sie der Indianer dort hoch oben hat. Zudem nehmen sie die Angst vor dem Tod, da man ihn erlebt, ohne ihn erleben zu müssen. Das ist Loslassen, das Vertrauen schafft.
In Japan wird die Praxis eines symbolischen Todes als der ultimative Weg angesehen, den spirituellen Frieden des Geistes in sich zu finden. Deswegen war Mikao Usui auf dem Kurama Berg.
Die Momente des grossen Loslassens sind vielleicht die Momente, in denen die wichtigste Frage des Lebens ihre Antwort findet. Vielleicht sind sie aber auch die Momente, in denen solche Fragen nicht mehr wichtig sind.
Übung zum Loslassen
Dezember 2008
Es war unser vorletzter Trekkingtag. Noch einmal schoben wir uns Meter für Meter einem knapp 4000 hohem Pass entgegen. Wir waren schon eine Stunde am aufsteigen und hatten vielleicht 300 Höhenmeter überwunden. Es soll Menschen geben, die solche auf und ab's geniessen. Für mich ist es eher ein notwendiges Übel. Ich kam mir vor wie eine Ameise. Oben würde es sicher wieder genial sein, es ist immer eine Überraschung, hoch oben über die Weite Mustangs zu blicken, die Richtung zu erahnen für den Weg, der uns noch bevorsteht.
Plötzlich tauchte ein junger Adler auf, er liess sich einfach tragen und schwebte im Wind mühelos nach oben. Es dauerte keine 2 Minuten, und immer weitere Kreise ziehend, immer höher, war er plötzlich weit über uns, weit über dem Berg. Wie genial es doch ist, diese Energie zu finden, die einen trägt! Ich habe das Gefühl, der Adler lebt die Konzepte Usuis. Wenn Du zufrieden sein willst, dann ärgere Dich nicht, dann sorge Dich nicht, und tue was Du tun musst! Der Adler muss loslassen, wenn er sich vom Wind tragen lassen will, da kann er nicht mit den Füssen am Boden festkrallen oder die Flügel am Körper verkrampfen. Und er muss sich auch einlassen auf das was da kommen möge, denn wer weiss schon, wie die Winde da oben wehen werden, was da alles auf einen zukommen mag.
Loslassen ist heute als Problemlöser in aller Munde. Und es ist gar nicht so einfach. Nur mal die Dinge loszulassen, von denen ich weiss, dass ich sie nicht brauche, wie z.B. überzähliges Geld oder Kleidungsstücke, die seit Jahren im Schrank hängen. Von manchen weiss ich nicht einmal, dass ich sie habe. Es bereitet schon grosse Freude, einmal Geld loszulassen, sich etwas dafür zu gönnen oder vielleicht auch in ein Projekt zu stecken. Es fühlt sich erleichternd an, Dinge wegzuwerfen, die sich eh als Ballast angefühlt haben. Das alles ist schon wunderbar, und sicher kennt jeder das Gefühl von Befreiung, welches mit dem Loslassen von Überflüssigem verbunden ist.
Wie ist es aber, wenn es darum geht, etwas anderes loszulassen? Etwas, von dem ich meine, dass ich es brauche? Etwas, von dem ich mich ganz sicher und gerade jetzt abhängig fühle? Wie wäre das, plötzlich blind oder querschnittsgelähmt sein zu müssen, das Sehen aufzugeben oder die Unabhängigkeit? Wie schwer kann es fallen, einen geliebten Menschen loszulassen, von dem ich denke, dass ich ohne ihn nicht atmen kann? Wie weit ist es mit meiner bedingungslosen Liebe zu mir selbst und zu diesem anderen Menschen? Ich liebe mich. Punkt! Ich liebe Dich, ohne wenn und aber! Ich möchte, dass Du Deinen Weg gehen kannst ob mit oder ohne mich - egal.
Gefühle von Getrenntsein schleichen sich ein und melden ganz sanft Einspruch an. Gefühle, Opfer zu sein, abhängig zu sein, stehen gleich dahinter. Jawohl, bei diesem Loslassen bin ich viel weniger enthusiastisch, da beschleicht mich Sorge, denn es wird an meinen tief verwurzelten Glaubensmustern gerüttelt, dass es so nicht gehen kann.
Das Leben ist eine Pulverfabrik, und jeder hat die Lizenz zu rauchen. Irgendwann übernimmt so jemand Regie und etwas passiert, dass zu einer wichtigen Lektion in punkto Loslassen wird. Es passiert ein Unfall, ein geliebter Mensch stirbt usw.
Nun - mir ist nichts dergleichen passiert auf dieser Reise, und doch haben kleinere Ereignisse diese Gedanken aufkommen lassen. Vielleicht ist das gut so. Ich brauche nicht immer ein grosses Drama, um über etwas nachzudenken. Und ein Strohfeuer ist mir lieber als ein Zeitzünder.
Die Trekkingreise durch das Mustanggebiet war bis ins kleinste vorbereitet. Das war auch wichtig, denn das Königreich Mustang, tibetisch und lose zu Nepal gehörend, liegt auf 4000 m mitten im Transhimalaya. Es gibt weder Strom noch Strassen, Wasser kommt aus dem Fluss, nachts wird es sehr kalt, die dünne Luft nimmt den Atem, Sandstürme können das Fortkommen unmöglich machen. Wir hatten alles dabei von der Reiseapotheke über die Funktionskleidung, gute Schlafsäcke, Sonnenschutz, Hygieneartikel, Ersatzakkus und so weiter. Ich war ehrlich schon etwas misstrauisch, wie alles reibungslos zu klappen schien mit den ganzen Vorbereitungen einschliesslich der Anreise zum Flughafen. Und dann geschah es. Wegen technischer Probleme bei Singapore Airlines wurden wir auf Qatar Airways umgebucht, und bei Ankunft in Kathmandu war von keinem der Reiseteilnehmer das Gepäck da. Schlimmer noch - über die 3 Tage bis zum Start vom Trekking wusste die Qatar Fluggesellschaft nicht einmal, wo unser Gepäck überhaupt war. Das war unser Supergau. Wir standen da mit nichts ausser dem Handgepäck. Qatar gab weder eine Entschädigung noch Kostengutsprache für Ersatzkäufe, für Dinge, die wir brauchten.
Wir haben uns kurz beraten und dann entschieden - wir probieren es, wir riskieren es, wir improvisieren! Uns blieben 2x 4 Stunden Zeit, bevor das Trekking definitiv starten musste. Ich habe fleissig Reiki an die Trekkingreise geschickt (eine Reiki 2 Technik), natürlich. Und was dann geschah, war schon fast ein kleines Wunder.
Der Veranstalter konnte uns Daunenjacken und Schlafsäcke ausleihen, zwar nur in Grösse M aber ich konnte mich reinzwängen. Obwohl der höchste Feiertag in Nepal war, fanden wir genau das nötigste an Bekleidung und Toilettenartikeln. Eine Frau brauchte spezielle Blutzuckertabletten. Wir fanden die einzige Apotheke, die offen hatte und nach einigem Drängen auch das nepalesische Medikament, das genau die gleiche Zusammensetzung hatte. Es waren noch 2½ Packungen da, genau, was die Frau bis zum Ende des Trekkings brauchte. Am Vorabend begegneten wir dann einer schweizer Reisegruppe, die ihre Tour beendet hatte. Die Leute waren so freundlich und haben uns etwas gebrauchte Funktionskleidung geliehen.
So zogen wir los, wir hatten 4x Glück, genau im richtigen Moment auf die einzig passende Lösung zu stossen. Es war nicht sonderlich bequem, das stimmt schon, aber es hat funktioniert. Alle 3-4 Tage haben wir die wenigen Sachen provisorisch gewaschen und dann irgendwie aufgehangen. Es ist zum Glück auch niemand ernsthaft krank geworden.
Ich habe natürlich weiter Reiki geschickt, sowieso täglich - oder nächtlich die Selbstbehandlung gemacht. Zeit gab es dafür genug, lagen wir doch von 8 Uhr abends bis 7 Uhr morgens im Zelt. Mit der Zeit waren wir alle etwas erkältet. Hier war die Selbstbehandlung immer spannend, denn die Symptome sind bei mir danach regelmässig verschwunden und tauchten dann abgeschwächt an anderer Stelle auf, wurden stärker, und es gab wieder eine Selbstbehandlung.
Bei Erkältungserscheinungen hatte ich in der Vergangenheit immer etwas viel Sorge. Ich nahm dann spezielle Schleimlöser, ein Medikament, dass ich nur in Deutschland fand und welches jetzt natürlich im verlorenen Gepäck lag. Wie lange konnte das jetzt gut gehen - ohne Arzt oder Medikamente? Gott sei Dank hatte ich Reiki. In einer Herberge trafen wir andere Touristen, alle waren am husten. Eine Frau hatte scheinbar besonders zu leiden, insgeheim dachte ich mir - wenn sie doch wenigstens Reiki hätte! Trotz ihrer Situation strahlte die Frau einen unbegreiflichen Optimismus aus. Ich wünschte ihr gute Genesung und wir zogen weiter.
Wie befürchtet setzte sich bei mir dann doch die Erkältung fest, es war in der Nähe der Lungen. Wir waren mittlerweile in Lo Manthang, der Hauptstadt des kleinen Königreiches. Unser Reiseführer hatte plötzlich eine Idee, das Reiseprogram zu erweitern und eine Schule für tibetische Medizin zu besuchen. Die Schule war schon für den Winter geschlossen, aber zufällig kam Dr. Amchi Tenjing Bista vorbei. Er schaute mir in die Augen, prüfte meinen Puls, und gab mir dann 12 kleine schwarze Kügelchen. Meine Erkältung ging schon mit der Einnahme der ersten Dosis spürbar zurück.
All die glücklichen Zufälle haben mich seither immer wieder fragen lassen, wieviel Reiki dabei im Spiel war.
Wir haben manchen Abend in unseren geliehenen blauen Daunenjacken um den Tisch gesessen und über unser Glück im Unglück philosophiert. Einmal erinnerte sich eine Teilnehmerin an ein Ereignis während ihrer Reisevorbereitungen. Voller Stolz hatte sie Ihrer Freundin die neu erstandene schwarze Funktionsjacke gezeigt, die sie für das Trekking gekauft hatte. Daraufhin erwiderte die Freundin »Seltsam, ich habe Euch drei im Traum alle in blauen Jacken beim Trekking gesehen«.
Als ich ein paar Tage später wieder wohlauf war, ohne mein so wichtiges deutsches Medikament, trafen wir erneut auf die andere Reisekollegin (sie war übrigens aus Kanada), der es so schlecht gegangen war. Auch bei ihr hatte sich wieder alles normalisiert. An einem zauberhaften Abend mit Bambusflötenmusik, die ihr Sherpa spielte, kamen wir dann ins Reden, und ich machte zaghafte Andeutungen, dass ihr Reiki vielleicht auch gut getan hätte. Darauf erwiderte sie, dass sie selbst den 2. Grad habe und sich natürlich regelmässig selbst behandelte, während der Erkältung sogar besonders lange. Darauf musste ich dann lachen und in der Tat konnten sich auch die übrigen Gäste nicht dem Lachen enthalten als wir feststellten, dass nur und gerade die Reikianer sich auf dieser Reise so mit Erkältungen geplagt hatten. Die Frau hatte Reiki übrigens von Fran Brown gelernt, eine bekannte Schülerin von Frau Takata. Fran hat mit »Living Reiki« ein tolles Buch über Frau Takata geschrieben.
Ja - Reiki war sehr präsent auf dieser Reise, wenn auch anders als erwartet. Denn ursprünglich wollte ich auf Reikispuren nach Mustang gehen, nachdem ein Freund mir berichtete, er hätte an den alten buddhistischen Klöstern massenweise Reikisymbole aufgezeichnet gefunden. Da hin und wieder vermutet wird, Reiki habe seine Wurzeln im tibetischen und tantrischen Buddhismus, nahm ich mir diese Foto Studienreise vor, ein schöner Ausblick neben dem Durchwandern einer zauberhaften, wirklich magischen Landschaft, neben stillen und tiefen Begegnungen mit so liebevollen Menschen.
Ich fand übrigens kein einziges Reikisymbol, ich fragte auch bei Lamas in den Klöstern nach Reiki oder ähnlichen Techniken, fragte den tibetischen Arzt, sogar den König von Mustang, der uns eine Audienz gewährte. Es war übrigens sein letzter Tag als König. Tags darauf wurde er vom nepalesischen Parlament, welches jetzt maoistisch beeinflusst ist, als König formell abgesetzt. Wenn sich das Omen meines Besuches herumspricht, werden mich andere Könige wohl in Zukunft meiden? ![]()
Die Reise hatte immerhin gezeigt, dass es alternative Heilmethoden in Mustang gibt. Diese stammen allerdings aus dem Animismus und Schamanismus, sind also vorbuddhistisch und eben manipulativ.
Aus heutiger Sicht scheint mir der Verweis auf tibetische Wurzeln in Bezug zu Reiki fragwürdig. Mag sein, dass es ähnliche Praktiken gab oder im geheimen noch immer gibt. Mein Japanbesuch vom Frühjahr hat mir aber gezeigt, dass nicht etwa jahrtausende alte Symbole Mikao Usui zu Reiki führten, sondern das Mikao Usui das Reiki fand und selbst die Symbole dazu entwickelte, damit andere es ihm gleichtun könnten. Die Reikisymbole haben ihre Wurzeln in Japan.
Nach 16 Tagen und Nächten im Zelt ging unser Trekking Abenteuer gut zu Ende. Wir waren froh, das Risiko eingegangen zu sein. Wir fanden so Gelegenheit zu erfahren, dass es immer eine Lösung gibt und das tatsächlich eine Energie da ist, die uns trägt, die im richtigen Moment unerwartete Wendungen beschert. Das hätten wir nie erfahren können, wenn wir zuvor nicht die Sachen losgelassen hätten, die uns eigentlich tragen sollten.
Ich empfinde tiefe Ehrfurcht vor dieser Situation. Das scheinbar Notwendige loszulassen ist wie eine Vorbedingung um das zu finden, was das wahre Selbst immer trägt. Deswegen reicht es für grosse Rituale nicht, das scheinbar Überflüssige loszulassen.
Am 18. Tag, während wir noch auf dem Trekking waren, fand unser Veranstalter übrigens unser Gepäck auf dem Flughafen von Kathmandu. Er bestand darauf, das ganze Lager für verlorenes Gepäck zu durchsuchen. Er ging hinein und stand vor einem Riesenhaufen verlorener Koffer und Taschen. In einigem Abstand vor diesem Haufen stand eine einzelne Tasche, sauber, verschlossen, mit einem Globotrek Label. Der Mann erinnerte sich, wie ich ihm von meiner Kailashreise mit der Firma Globotrek erzählt hatte, und näherte sich dem Gepäckstück. Es war meine Tasche, und sie war völlig unversehrt. Da wusste er, dass er auch die 2 Rucksäcke der anderen Teilnehmer finden würde. Es dauerte einen halben Tag, aber er schaffte es und fand einen weiteren Rucksack. Dieser war allerdings beschädigt und es fehlten hochwertige Kleidungsstücke im Wert von 600 CHF. Der Mann gab nicht auf und fand nach einem weiteren Tag suchen auch das letzte Gepäckstück. Dieses war besonders schwer zu finden, da sämtliche Anhänger und Flugetiketten nicht mehr vorhanden waren. Spontan dachte ich, was für ein Glück ich mit meiner Tasche hatte, bis ich mich erinnerte, dass ich die Tasche auch mit den Reikisymbolen geschützt hatte (Reiki 2 Technik). Ich hatte zwar keine Reisegepäckversicherung, aber dieser Schutz war sogar besser, und so tauchte als Happy End schliesslich das Gepäck wieder auf. Am Thema »Materieller Verlust« musste ich offenbar nicht schaffen.
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Das Wespennest
Juni 2008
Feldwespen im Mai
Letzten Sommer hatte ich etwas spezielle Gäste auf meinem Balkon. Zwischen der Bodenplatte und dem Geländer hatte eine Wespenkönigin ihr kleines Reich gegründet, und als ich das etwa tischtennisballgrosse Nest entdeckte, war mir gar nicht wohl. Ja ja - das 2. Prinzip - sorge Dich nicht, und ich unterrichte das ja auch. Aber Wespen auf dem Balkon - wie soll ich mich da nicht sorgen? Ich hatte zwar nie Ärger mit Wespen, ausser einmal einem Stich in die Lippe. Ich gab sofort Reiki drauf. Die Schwellung war nach 15 Minuten weg und es tat gar nicht weh. Aber da lief dieses Programm ab - Wespen sind Störenfriede, sie können auch übler stechen, und wie soll ich mal in Ruhe auf MEINEM Balkon etwas essen oder trinken, wenn sie da sind? Also schlug ich das Nest kurzerhand mit einer LANGEN Schaufel ab.
Das Nest fiel in die Regenrinne. Da stand ich und spürte die Wut in meinem Bauch. Es braucht Wut, um jemand etwas kaputt machen zu können. Es fühlte sich nicht gut an. In diesem Fall fühlte es sich sogar besonders schlecht an, sah ich doch die Königin, wie sie sich an ihrem Nest festhielt und mit dem Nest zusammen in die Tiefe stürzte. So viel Willen und Bestimmtheit hatte ich nicht erwartet. Das kannte ich bislang nur von einzelnen Menschen, mit einer gewissen Entschlossenheit an etwas festzuhalten (wie ein Reikianer, der sich täglich behandelt, egal was herauskommt).
Ein paar Tage später staunte ich nicht schlecht. Die Königin blieb und baute weiter. Ich war tief bewegt. Der gute alte Platz war weg, das Nest lag auf dem Boden. Aber sie machte einfach weiter, halt das beste, was sich in dieser Lage machen liess. Vielleicht hatte sie keine Zeit mehr, woanders von vorn anzufangen? Wie schwierig muss die Situation dieser Wespen sein, wurde IHNEN doch so viel Lebensraum genommen? Das beharrliche Weiterbauen hatte mich erneut tief beeindruckt, und ich schloss Frieden. Ja - ich habe der Königin und ihrer ersten Helferin sogar eine Reiki Einweihung gegeben.
Fortan durfte ich teilhaben am Leben dieses winzigen Königreiches. Immer war ich voller Spannung, was ich wohl neues sehen würde, wenn ich wieder in die Spalte am Geländer schauen würde. Da waren diese kleinen Lebewesen, deren ganzes Leben nur eine Saison wären würde. Sie taten sich zusammen, erlebten den Frühling wie wir, es war eine Freude, die Säfte zu spüren, das Leben einzuatmen, dem Fluss des Lebens zu lauschen. Ich sah die Kokons, wie die Waben auf einmal gefüllt waren, wie die ersten Arbeiterinnen schlüpften und das Nest danach umfangreicher wurde. Im Sommer erreichte der Staat seinen Höhepunkt. Ich sah 10 und mehr Tiere, darunter sicher neue Königinnen und die unbefruchteten männlichen Drohnen. Für die neuen Königinnen begannen nun die 12 Monate ihres Lebens. Sie trafen sich an ausgewählten Orten zur Paarung und suchten sich dann einen geschützten Platz zum Überwintern.
Feldwespen und ihr Nest im Juli
Das Rad des Lebens nahm seinen Lauf. Die 5 Elemente bewegten sich im Kreis, für Wespen eben leider nur einmal. Frühling-Sommer-Spätsommer-Herbst-Winter oder Sehen-Fühlen-Schmecken-Riechen-Hören oder Wut-Freude-Sorge-Trauer-Angst. Ich war regelrecht gefangen, die einzelnen Phasen bei meinen Bewohnern zu beobachten, und es erinnerte mich an meine eigenen Konzepte von Zeit, Angst, Trennung und Sterblichkeit. Wie es wohl die Wespen empfanden? Wie sie wohl damit umgingen? Wie mochte das sein, wenn ich den Kreislauf der Jahreszeiten nur einmal erleben könnte?
Der Spätsommer war der Höhepunkt. Es herrschte Stille! Ruhe und Frieden und Klarheit. Indian Summer! In diesem Moment fand ich am besten zu mir, hörte ich mir am besten zu, fand meine Synthese statt. Für diesen Moment lebte vielleicht auch die Wespe und konnte dann hoffentlich sagen - es ist vollbracht, und es ist gut, so wie es ist. Speicherte sie jetzt ihre Erfahrungen in den Datenbanken des Universums ab? Da wäre unser Staat fast zugrunde gegangen, an jenem Ort hatten wir es gut, und dort trafen wir auf ein anderes Volk? Noch waren die Tage warm, aber die kühlen Nächte deuteten schon an, das das Leben auf dem Rückzug war. Die Wespen hatten zunächst wohl die Stille genossen, sie waren fast unbeweglich, und wie es dann kälter und kälter wurde blieben sie unbeweglich. War es jetzt aus Trauer? War es vor Kälte? Es blieb nichts mehr zu tun. Es gab nur noch die Rückschau. Welch Privileg ich doch hatte, an all dem teilhaben zu dürfen.
Eines Tages im November war das Nest verlassen. Die alte Königin beendete ihr einjähriges Leben und mit ihr ging der Wespenstaat zugrunde. Ich verabschiedete mich innerlich von meinen Freunden. Ein paar Tage später entfernte ich das Nest (die Nester werden nie zweimal benutzt). Es war wie dünnes Papier und ganz leicht.
Vor mir liegt eine Broschüre der Pro Natura. Jetzt erst lese ich, wie nützlich die Wespen bei der Schädlingsbekämpfung sind. Nur die beiden häufigen unterirdisch nistenden Arten (gemeine Wespe und deutsche Wespe) machen sich manchmal über den Pflaumenkuchen her. Andere und für den Menschen harmlose Arten haben in der Tat akuten Wohnungsmangel. Es sind die seltenen Wespenarten, die ihre Nester auf dem Dachboden oder an anderen zugänglichen Stellen errichten, und sie benötigten eigentlich unseren Schutz, denn durch den Menschen sind deren natürliche Nistplätze wie Baumhöhlen rar geworden. Wenn der Mensch sie nicht belästigt, lassen sie den Menschen auch in Ruhe. Es gibt genügend Beispiele, wo selbst Hornissen in unmittelbarer menschlicher Nähe, zum Beispiel bei Schuleingängen, ohne den geringsten Zwischenfall genistet haben.
Ich schaue wieder auf meinen Balkon. Am Geländer ist ein neues Nest. Es herrscht schon etwas Betrieb. Ich freue mich auf einen schönen Sommer. Und den wünsche ich Dir auch.
Übergangsriten
Dezember 2007
Anfang Dezember war ich für ein Seminar in einem kleinen Dorf im Oberallgäu. Beim Frühstück erzählte mir der Wirt der Pension von einem grossen Ereignis, das diesen Tag stattfinden würde. Ein junger Mann, Zimmermannsgeselle, kam von seiner Walz (die traditionelle Wanderschaft der Handwerksgesellen) nach Hause zurück. Das es so was noch gibt? - dachte ich und freute mich riesig zugleich.
Es stand sogar im Wochenblatt. Erinnerungen wurden wach, wie der junge 20-jährige Held, Andreas, vor 3½ Jahren seine Reise begann. Er hatte einige Auseinandersetzungen mit seinem Vater und wollte schliesslich nur noch weg. Seine Mutter hatte viel geweint, musste sie doch ihren Sohn loslassen.
Wenn Du auf diese Wanderschaft gehst, wird sie mindestens 3 Jahre und 1 Tag dauern. Du musst mindestens 50 km von zu Hause weg sein, meist geht es durch ganz Europa. Du lebst von wenig Geld und natürlich ohne Handy und nur von der Gastfreundschaft der Handwerker und ihrem Ehrenkodex. Du bist weg von der mütterlichen Wärme und natürlich wissen Deine Eltern nicht, wo Du Dich gerade aufhältst. Du wirst viel lernen, aber auch schlechte Erfahrungen machen. Winter können verdammt kalt sein. Wo findest Du Obdach, wenn es gießt wie aus Eimern? Kein Geld mehr in der Reisekasse, wo kommt das Essen her? Aber Du lernst auch, auf Dein Glück zu vertrauen. Nicht an allem zu verzweifeln. Das Leben so zu nehmen wie es kommt. Aus allem das Beste zu machen.
Andy hatte das ganze Dorf hinter sich, wie er loszog. Vom »Gasthof zum Kapitel« in der Mitte des Dorfes wurde er mit einer Blasmusikkapelle bis zum Ortsausgangsschild begleitet. Dann musste er allein weiter, immer zu Fuss!
Heute nun kam er heim, ein erwachsener Mann, und wieder war die Kapelle und das Dorf da, wartete am Ortseingang, bis Andreas auftauchte, begleitet von anderen Gesellen auf Wanderschaft, und wieder setzte die Musik ein, das Dorf hiess ihn wieder Willkommen, gemeinsam ging es mit der Musik zum Bauernhof, wo die Mutter schon ein grosses Fest vorbereitet hatte.
Ist das nicht wunderbar? Meine Augen füllen sich mit Tränen vor Respekt gegenüber diesem Menschen. Andreas hatte den Mut, das Unbekannte zu erforschen und seine eigenen Stärken zu finden. Rituale sind in unserer Zeit so selten geworden, dabei sind sie so wichtig, unersetzlich, wenn z.B. ein Junge zum Mann oder auch ein Mädchen zur Frau werden will. Gerade für einen Jungen ist es nicht einfach, eine gesunde Trennung vom Band mit der Mutter zu erreichen. Deswegen verhalten sich viele Männer noch heute wie Kinder, und ihre Partner üben häufig Mutterrollen aus. Aber der Junge muss diesen Schritt tun, wenn er Zugang zur männlichen Energie finden will, die Erfahrung machen möchte, dass er von dieser Energie getragen wird, in Berührung mit seiner eigenen Seele kommen will.
Naturvölker wissen, wie schwer diese Transformation ist, deshalb erleben die Jungen die Rituale oft als mächtige emotionale Erfahrungen, teilweise unter Schmerz (der eigene Körper wird vom Charakter als weiblich angesehen). Und sie bekommen Initiationen in das Erwachsenensein, ähnlich wie meine geschätzten Seminarteilnehmer Initiationen in das Reikisein bekommen. Initiationen sind das grösste Geschenk, das man in seinem Leben - für sein erfülltes Leben - bekommen kann. Ach - es gibt so viele verletzte und nicht initiierte Männer in unserer Zeit!
Die Riten werden unter Regie der Stammesältesten noch immer in 6 Schritten durchgeführt. Von Volk zu Volk verschieden in der Ausführung sind die Themen doch immer gleich.
- Physische und damit psychologische Trennung von den Eltern, oft über Nacht
- Symbolischer Tod der kindlichen Abhängigkeit (allein in Dunkelheit etc), es gibt keinen Weg zurück
- Zeremonie der Wiedergeburt (rituelles Bad, neuer Name)
- Unterricht in Privilegien, Verantwortlichkeiten, Techniken und Einführung in die Mysterien (spirituelle Erdung)
- Isolation, Rückzug zu einem heiligen Ort, die innere Stärke finden, Martyrium, Leidensphase, rituelle Opferung des Komforts des Fleisches und der kindlichen Abhängigkeit, eigene Weisheit und Mut finden
- Rückkehr als initiierter Erwachsener
Ähnliche Riten gibt es für Mädchen, die zur Frau werden. Welche Frau könnte davon berichten? Die Passage ist in der Regel nicht so streng, da nach dem Lösen von der Mutter das weibliche Bewusstsein und die Aufgaben einer Frau nicht durch etwas anderes ersetzt werden müssen.
Irgendwie hat Andreas das alles selbst in die Hand genommen, nehmen müssen, weil es in unserer westlichen Welt wenig Führung und Vorbild für die Jungen gibt. Er hat ganz sicher alle 6 Schritte erlebt, und er hat es nicht nur für sich getan, auch für seinen Vater, und stellvertretend für viele andere Männer. Er ist ein wunderbares Beispiel und Erinnerung, dass Du und ich und jeder Mensch immer das Potential hat, seine 6 Schritte auf irgendeine Weise zu gehen.
Der freie Fall
Dezember 2007
Hinaus aus dem Flugzeug, hinein in den freien Fall. Der Wind tost unglaublich laut, wenn Du mit einer Geschwindigkeit von ca. 200 km/h der Erde entgegenrast. Du glaubst, Dein Herz mindestens genauso laut schlagen zu hören wie den Gegenwind, der in den Ohren rauscht. So ist es, wenn Du in einer Höhe von ungefähr 3500 Metern aus dem Flugzeug springst. Der Traum vom freien Fall in der physischen Realität hat eine lange Geschichte. Bereits Leonardo da Vinci hat im 15. Jahrhundert eine Skizze eines pyramidenförmigen Schirmes angefertigt. Dieser hätte nach heutigen Erkenntnissen übrigens bis zu einer Sprunghöhe von 3000 Metern sogar funktioniert.
Der freie Fall dauert ca. 50 Sekunden bis eine Minute. Sobald Du - üblicherweise in einer Höhe von 1000 Metern - die Reißleine gezogen hast und der Fallschirm sich vollständig ausgebreitet hat, wird Dein freier Fall von 200km/h auf ungefähr 20km/h abgebremst. Das Tosen des Windes verschwindet, es ist Stille hoch oben, im blauen Himmel. Du hast nun Zeit, das herrliche Panorama zu betrachten. Alles unten am Boden ist winzig klein. Die Erde sieht aus wie eine Spielzeugwelt. Die Zeit zum Entspannen ist gekommen, alle beschwerenden Gedanken verlieren sich im Angesicht mit der grenzenlosen Freiheit.
Warum ich davon schreibe? Ich habe von einem Mann gehört, der ein ganz schwaches Sehvermögen hatte. Als er sich aber einmal im freien Fall befand, sah er sich, die Mitspringer und die Erde auf einmal ganz klar - gestochen scharf.
Ich finde das wunderbar. Im freien Fall praktizierst Du die totale Hingabe. Alles bekommt eine neue Sichtweise, und auf einmal siehst Du ganz klar. Ist es nicht grossartig, auf diese Weise gezeigt zu bekommen, dass es einen Weg gibt, die Welt besser wahrzunehmen?

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