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Der schmale Grat zwischen Zufall und Schicksal

Juni 2009

Es gibt einen schmalen Grat zwischen Zufall und Schicksal. Das ist die ganze Freiheit, die ich habe.

Ich glaube, dass dieses Bild essentiell die Bedeutung meines Lebens beschreibt. Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie frei bin ich? Was ist Freiheit? Hat alles eine Bedeutung? Bin ich von Ursachen abhängig? Kann ich meine Zukunft selbst bestimmen? Gibt es überhaupt Ursachen, oder passieren die Dinge doch irgendwie zufällig?

Mae-Wan Ho schrieb in The Biology of Free Will, es müsse das Gesetz von Ursache und Wirkung geben, denn in einer akausalen Welt wäre ist es unmöglich, frei zu sein. Was wäre das für eine Freiheit, wenn irgendetwas einfach so und irgendwie passieren würde? Dann wäre ich überhaupt nicht frei.

In Ursachen - seien sie bekannt oder nicht - kann ich eine Erklärung dafür finden, warum es mir so geht, wie es mir geht. Manche Glaubenssysteme gehen soweit, dass ich in meinem (heutigen) Leben nur noch das ausbaden kann, was andere und ich einmal angerichtet haben. Die Zahlen meines Geburtsdatums, die Stellung der Planeten, sind dies Ursachen, deren Wirkung ich heute ausleben muss? Wenn aber eine Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft - wie frei kann ich dann sein, hänge ich doch von meinen vergangenen Handlungen ab und von den Handlungen, die andere vollziehen? Am Rande des Grats zu Karma oder Schuld hört zumindest die Bedeutungslosigkeit des Lebens auf.

Es scheint, weder im Schicksal noch im Zufall lässt sich Freiheit finden. Gibt es sie überhaupt? Wie äußert sie sich dann? Ist Freiheit überhaupt wichtig? Bin ich nicht ein Teil vom Ganzen? Kann ich mir und dem Ganzen erlauben, selbst frei zu sein? Welche Bedeutung hat mein Teil im Ganzen? Wie wichtig bin ich?

Ich beobachte Menschen, die scheinen alles im Griff zu haben. Sie scheinen Kontrolle zu haben. Sie scheinen frei zu sein, da ihr Wille geschieht. Sie brauchen viel Kraft. Sie manipulieren. Sie sind süchtig nach der Bestätigung, wichtig und frei zu sein. Sie sind davon abhängig. Dann kommt jemand, und plötzlich geschieht NICHT ihr Wille. Sie sind also nicht frei.

Ist die Bibelaffirmation »Dein Wille geschehe« ein Zeichen von Freiheit? Ist Freiheit gleich Frieden?

Bin ich frei, wenn ich geboren werde? Bin ich frei, wenn ich sterbe? In Freiheit kulminieren sich die großen 4 Bewusstseinsthemen, die die ganze Sinnlichkeit, Freude und Tragik im Leben beschreiben: Trennung, Zeit, Schuld und folglich die Individuation (Selbstwahrnehmung).

Trennung

Ich habe das Gefühl von Getrenntsein in tiefster Trauer wahrgenommen, als ich am heiligsten Berg Tibets meine Reikibehandlung unter argem Luftmangel machte. Es war ein überraschend starkes Erlebnis. Gott sei Dank hatte ich Reiki dabei.

Trennung zeigt sich in kontrollstarken Menschen und ihrer Idee, wichtig zu sein. Diese Menschen merken nicht einmal, wie sie die Dinge, die sie anderen überstülpen, sich selbst überstülpen. Trennung und Schuld können zu brutalstem Verhalten den Mitmenschen und der ganzen Erde gegenüber führen.

»Nach mir die Sintflut« sagt einiges über das Bewusstsein getrennter Menschen aus, wenn man den Wert eines Lebens daran bemisst, wie es hilft, dass das Leben auf dieser Erde weitergehen kann, welchen Dienst der Einzelne der Gemeinschaft leistet.

Helmut Schmidt wurde in einem Interview einmal gefragt, wie es sich im 2. Weltkrieg angefühlt habe, Menschen zu erschießen. Er antwortete, es sei in keinster Weise ein Unterschied zu dem Gefühl, erschossen zu werden. Die Weisheit dieses so sachlichen Mannes, seine bodenständige Spiritualität, hat mich tief berührt.

Schuld

Es gibt auch einen schmalen Grat zwischen Vergebung und Schuld. Das Zufallskonzept hat mir viel Frieden gegeben, was »Schuld« betrifft. Mit den Reikibehandlungen wurde mir sehr schnell klar, dass ein anderer Mensch keine Schuld daran trägt, wie es mir geht. Das ist ja auch logisch, wenn ich beginne, selbst Verantwortung zu übernehmen. Aber so tief wie mich oben das Konzept der Trennung traf, übermannte mich die Schuld, denn irgendjemand musste ja Schuld daran haben, wie es mir heute geht. Schuld und Verurteilung mir selbst gegenüber war die Konsequenz. Es erschüttert mich wahrzunehmen, wie sehr ich verstrickt bin in Konzepten, für die ich rational immer eine passende Antwort weiß. Selbst Schuld zu haben steckt tief in meiner Kultur, tief in meiner Erziehung! Das lähmt! Wenn ich Bestätigung dafür suche, dass dem so ist, wenn ich das nicht loslassen will aus Angst, diese meine Identität zu verlieren. Denn wo kriege ich so schnell eine andere Identität her?

Individuation

Lösungen (und Mut) um diese Konzepte sprechen die Individuation an, damit ich mich von meinen Vorurteilen befreie und auf eine gesündere Art wahrnehmen kann. Und hier ist mir der Zufall so sympathisch und hilfreich. Indem ich sage, dass einige Dinge in meinem Leben einfach »neben mir passiert« sind, nehme ich der Schuld ihre Ladung, verneine ich die Schuld sogar. Die Vorstellung ist, dass ich einfach irgendwo anwesend bin, sagen wir einmal zufällig, und was passiert, passiert einfach sowieso, nur bin ich jetzt eben da und erspüre, erfahre, was da gerade passiert. Es hat nichts mit mir zu tun, eher mit dem Drama, welches auch ohne mich stattgefunden hätte. Ich glaube, diese Ansicht ist die einzig mögliche, um die Wichtigkeit des eigenen Ego zu neutralisieren, in der eigenen Unwichtigkeit Schuld aufzulösen und den ganzen Ballast dieses Konzeptes abzuschütteln. Viele Menschen versuchen es mit Vergebung, aber wie soll das funktionieren? Ist es nicht wie im Schmidt-Zitat oben? Wie könnte es ohne die Anerkennung von Schuld überhaupt Vergebung geben? Vergebung und Schuld sind Synonyme. Und am Rande des Grats zum Zufall hört die Schuld auf.

Zeit

Zeit ist eng verbunden mit Sterblichkeit und diese wiederum mit Trennung. Die Vergangenheit als fix anzusehen und die Zukunft als unbekannt hilft mir, mich in der Zeit sicher zu fühlen, wie Michio Kaku sagte. Was aber ist Zeit? Zeit besteht aus Zeit, die vergangen ist, Zeit, die zukünftig ist und Zeit, die gegenwärtig ist. Das Zukünftige existiert jedoch noch nicht, das Vergangene existiert nicht mehr, und das Gegenwärtige nimmt überhaupt keine Zeit in Anspruch. Wie also - fragte schon Dr. S. Augustine in seinen Konfessionen im 4. Jahrhundert - kann Zeit überhaupt existieren? Es gibt auch nur einen schmalen Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft, und vielleicht ist das nur ein anderer Ausdruck für den schmalen Grat zwischen Zufall und Schicksal.

Das ganze Leben hindurch wandere ich auf diesem schmalen Grat. Dieser schmale Grat beschreibt den ganzen Sinn, den mein Leben hat, die kleine Bedeutung an den Abgründen der Bedeutungslosigkeit, die kleine Freiheit an den Grenzen der Verantwortung, das kleine Glück, Leben zu erfahren am Rande der Erfahrungslosigkeit, die kleine lokale Autonomie, die sich dann einstellt, wenn meine Teilnahme am Universum, mein Folgen der pulsierenden Einheit in Synchronizität, im Fühlen und Antworten mich agieren lässt wie eine Welle im Ozean, vollständig integriert, wie Jung es einst beschrieb, wenn jede Zelle im Körper, jeder Gedanke im Geist, innen und außen, komplett im Einklang ist mit der ganzen Natur.

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